Kinästhetik

Samariterstiftung setzt im Pflegealltag auf eine nachhaltig veränderte Haltung zur Förderung der Bewegungskompetenz.

Kinästhetik das ist die Lehre der Bewegungsempfindung, die durch eine systematische Sensibilisierung für die Wahrnehmung von Bewegung hilft, neue Bewegungskompetenzen bei allen Betroffenen zu entwickeln.

Mittlerweile sind in der Samariterstiftung sechs Modelleinrichtungen damit beschäftigt, das Kinästhetik-Konzept in den Pflegealltag zu integrieren. Dem ging und geht eine ausführliche Fachausbildung und –begleitung voraus. „Wir entwickeln einen Blick, eine Sensitivität dafür, wie man eine bislang vertraute Routinebewegung, auch ausführen könnte. Wie sich jemand anders als bisher, aber eben auch gut bewegen kann“, erzählt Hildegund Wulfgramm, Projektbeauftragte bei der Samariterstiftung über den Ansatz des Kinästhetik-Konzeptes. Für die kommenden drei Jahre wird das Projekt in der Stiftung laufen, und es ist wegen seines nachhaltigen und gesundheitsfördernden Ansatzes von der Deutschen Fernsehlotterie und vom Diakonischen Werk bezuschusst worden. Unterstützung erhält die Samariterstiftung auch von der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege.

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Kinästhetik wurde von Dr. Lenny Maietta und Dr. Frank Hatch begründet. Der Name ist die deutsche Form des englischen Begriffs Kinaesthetics, der aus der Kombination der Wörter kinetic (den Bewegungssinn betreffend) und aestetic (durch die Sinne wahrgenommen) gebildet wurde. Die Ideen der Kinästhetik sind zudem durch Erkenntnisse der Verhaltenskybernetik und der humanistischen Psychologie beeinflusst. „Mit dem Schwerpunkt auf der Kinästhetik wenden wir uns von dem Behandlungsparadigma ab, das in einer geraden Linie darauf abzielt, für ein Problem exakt die eine Lösung herbeizuführen“, beschreibt Wulfgramm. In der Kinästhetik hingegen ist es ein fließender Prozess, der auch viel mit Ausprobieren zu tun hat. Es geht weniger um die eine technisch richtige Vorgehensweise, als vielmehr darum, individuelle Fähigkeiten herauszufinden, zu stärken und zu stabilisieren.

Für die alte Dame im Bett bedeutet dies, dass mit ihr unter Anleitung und einer wertschätzenden Wahrnehmung ausgetestet wird, welche Bewegungen sie aus eigener Kraft noch ausführen kann. Bei denen, die ihr nicht mehr möglich sind, wird nach einem anderen, neuen Bewegungsablauf geschaut, der sie gleichermaßen ans Ziel ihres Wunsches, nämlich aufrechter im Bett zu liegen, bringt. Bewegung spielt für die Erhaltung einer guten Lebensqualität und die Vermeidung von Pflegeabhängigkeit eine zentrale Rolle. Ziel jeder Pflegemaßnahme muss sein, die Selbstbestimmung so lange wie möglich aufrecht zu halten, die Rückbildung der Symptome zu fördern und Sekundarerkrankungen zu vermeiden. „Wir stärken damit schlussendlich nicht nur die Bewegungsfähigkeit sondern auch das Selbstwertgefühl“, sagt die Projektverantwortliche. Bewegung unterstütze das Wohlbefinden bei chronischen Leiden, verhindere altersbedingten Verlust an Muskel- und Knochenmasse. Sie trage zum Erhalt von Gleichgewichtsfähigkeiten, Beweglichkeit und Ausdauer bei. Eigenbewegung sei die Voraussetzung für die Aktivierung zahlreicher Selbstheilungs- und Regulationsmechanismen.

Dann gibt es da noch eine weitere Dimension. Pflegepersonen in der Altenpflege verbringen etwa ein Viertel ihrer Arbeitszeit in ungünstigen Körperhaltungen, heißt: Heben, Tragen und Aufrichten gehen in die Schultern und auf den Lendenwirbel. Eine Studie der Barmer-Ersatzkasse belegt, dass Beschäftigte in Pflegeheimen bis zu 30 Tagen im Jahr wegen Krankheit fehlen. Das sind zehn Tage mehr als der Durchschnittsbeschäftigte in anderen Berufen. „Das Kinästhetik-Konzept arbeitet ressourcenorientiert. Es vermittelt den Pflegenden ein Verständnis über die Funktionsabläufe in ihrem Körper. Sie lernen in ‚eigenen Forschungsprozessen‘ wann ihnen welche Bewegung gut tut“, beschreibt Hildegund Wulfgramm den Ansatz. Schließlich führe diese gesteigerte Wahrnehmung dazu, dass Bewegungsabläufe schnell so angepasst werden können, dass die zu pflegenden Menschen sich eigenständig bewegen könnten. Es werden weniger Hebe- und Trageaktionen nötig.

Das Kinästhetik-Konzept-System ist also ein Instrument der betrieblichen Gesundheitsförderung. Die Samariterstiftung setzt auch deswegen auf das Kinästhik-Konzept. Denn bei konsequenter und richtiger Anwendung reduziert es die berufsbedingten körperlichen Belastungen der Pflegenden deutlich. Wer sich zum Kinästhetik-Spezialisten weiter- oder fortbilden lässt, erlebt in seinem persönlichen Pflegealltag mehr Berufszufriedenheit. „Innere Kündigungen“ werden so vermieden, die Krankheitstage reduzieren sich. Die ausgeprägte Acht- und Wachsamkeit, die der Pflegende entwickeln muss, wenn er kinästhetisch wirken möchte, schärft und stärkt zudem seine persönliche Resilienzfähigkeit. Er kann mit psychisch schwierigen Situationen viel besser umgehen. In Zeiten des akuten Fachkräftemangels gilt es, sich als guten Arbeitgeber zu positionieren und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Mitarbeiter-/innen langfristig ans Unternehmen binden.

So ist das Bildungsprojekt Kinästhetik in der Samariterstiftung ein strategisches Unternehmensziel, denn es wird in die Mitarbeitergesundheit und –zufriedenheit investiert. Zudem entspricht es dem Leitbild der Stiftung. Zufriedene Mitarbeiter steigern die Qualität der pflegerischen Betreuung und Versorgung stetig, und die Bewohnerschaft erfährt einen ‚erlebbaren‘ Mehrwert. Das Projekt wird wissenschaftlich von den Hochschulen in Esslingen und St. Gallen begleitet und ausgewertet. Kinästhetik-Peer-Tutor/innen und Kinästhetik-Trainerinnen begleiten die Pflegenden und Betreuenden in ihrem pflegerischen Tun. Die Mitarbeitenden erhalten Strukturen und Instrumente an die Hand, damit der fortlaufende Lernprozess nachhaltige Ergebnisse bringt.

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