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19.03.20 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Herz über Kopf

Angehörige dürfen nicht mehr in die Altenhilfeeinrichtungen – doch dieser Schutz ist dringend nötig


In Baden Württemberg gilt wie im gesamten Land mit der Ausweitung der Pandemie ein Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen. Grundlage ist ein Erlass des Baden-Württembergischen Landtags, „dass es zum Schutz der Bewohner vor Infektionen notwendig ist, Besuche für die Bewohner ab sofort nicht mehr zuzulassen“. Für so manche Angehörigen ist das ein kaum auszuhaltender Zustand. 
„Ich habe jetzt erst recht das Gefühl, ich hätte meinen Vater abgeschoben“, sagt Bernhard Lukow*, der seinen 86jährigen Vater, der schwer demenziell erkrankt ist, ansonsten jeden Tag für mehrere Stunden besucht hat. Er hat mit ihm gegessen, ihm vorgelesen oder hat ihn im Rollstuhl durch den Park rund um das Seniorenzentrum am Parksee in Leonberg geschoben. Den dreiköpfigen Vorstand der Samariterstiftung erreichen derzeit jeden Tag, manchmal innerhalb weniger Stunden, neue Erlässe, die auf Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Corona Virus in Altenheimen beruhen. „Wir versuchen, diese schnellstmöglich umzusetzen“, so Frank Wößner, Vorstandsvorsitzender. 

Eine enorme Herausforderung für den unverzüglich gebildeten Krisenstab. Eine vergleichbare Situation sei noch nicht dagewesen. Um die Bewohner, die bekanntlich ein hohes Risiko tragen sich anzustecken zu schützen, müssen jetzt strenge Hygienevorschriften gelten. Sämtliche Veranstaltungen innerhalb der Häuser der Samariterstiftung mit externer Beteiligung sind abgesagt und auch für die Angehörigen gelten mittlerweile drastische Einschränkungen: Die Heimaufsicht hat den Einrichtungen vorschrieben, keine Besuche Externer mehr zuzulassen. Und jeder Angehörige ist ein externer Besucher. 

 Klar ist, ganz ohne soziale Kontakte geht es auch nicht. „Wir wissen um die außerordentliche Belastung für alle Beteiligten“, sagt Frank Wößner, „und gerade deshalb geben wir ganz besonders viel und noch mehr Herz in das, was wir tun.“ Die Fachkräfte arbeiteten auf höchstem Niveau und mit intensivstem Einsatz. In Sachen Hygienemaßnahmen könne ebenfalls entwarnt werden. „Wir sind hohe Hygienestandards auch in normalen Zeiten gewohnt. Bei jedem Virus muss entschlossen und effektiv gehandelt werden.“ Er erinnert sich an die Zustände 2017, als die Noroviren Angst und Schrecken in Deutschland verbreiteten. 
Das Robert Koch-Institut (RKI), das die Oberhoheit über Infektionserkrankungen in Deutschland hat, hat die Lage so eingeschätzt, dass die Fachkräfte bei Neuaufnahmen für zwei Wochen die Zimmer nur in persönlicher Schutzkleidung, betreten dürfen. Dies geschieht ausschließlich deshalb, weil das Wohl und die Gesundheit der Bewohner oberste Priorität haben. 

 „Aber, ich werde meinem Vater doch fehlen. Er wird sich denken, dass ich ihn vergessen habe“, ängstigt sich Bernhard Lukow*. Noch immer ruft die Entscheidung einen lieben Angehörigen ins Heim zu geben und dort fachgerecht betreuen zu lassen, bei vielen Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen hervor. Erst recht in solch existenziell bedrohlichen Situationen wie in diesen Tagen. „Man möchte doch gerade jetzt für die Person da sein, die man liebt. Ich möchte meinem Vater gerade jetzt etwas zurückgeben. Er war auch immer für mich da, wenn es eng wurde“, überlegt der Sohn. Doch die Einhaltung der jetzt notwendig gewordenen Besuchsverbote ist keine egoistische, sondern eine, die dem Wunsch entspricht, der geliebten Person den bestmöglichen Schutz und die bestmögliche Betreuung in diesen Krisenzeiten zukommen zu lassen. Das hat nichts mit einer Abschiebung gemein, bedeutet nicht Vergessen, sondern beweist im Gegenteil, dass man die Person in fachlich kompetenten Händen wissen will, um ihr so das Leben zu erleichtern und vielleicht sogar zu retten. 

* Name redaktionell geändert .