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01.10.18 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Soziale Fähigkeiten entscheiden über Berufschancen


Um neue Pflegekräfte zu finden, legt sich Jennifer Obeng ins Zeug. Die Mitarbeiterin der Samariter-Stiftung sucht in Geislingen, Göppingen, Gingen oder Wiesensteig nach neuen Angestellten – auch bei der Nacht der Ausbildung im Geislinger Samariterstift in Altenstadt. Denn Deutschland benötigt händeringend Pfleger. Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft werden bis 2035 rund 500?000 Arbeitskräfte in dieser Branche benötigt. Um mehr als 40 Prozent müsste die jetzige Anzahl der Fachkräfte in den nächsten Jahren ansteigen. Das Institut für angewandte Pflegeforschung dokumentierte 17?000 Stellen, die in deutschen Pflegeheimen derzeit unbesetzt sind.

Keine leichte Aufgabe, doch von diesen Zahlen lässt sich Jennifer Obeng nicht entmutigen. In ihren Gesprächen ist sie vor allem darum bemüht, das Image des Pflegeberufes zu ändern. „Viele Menschen verbinden mit diesem Beruf nur das Beziehen von Betten und Waschen von Menschen. Aber es steckt viel mehr dahinter“, betont Obeng und zählt auf: „Pfleger organisieren, sprechen mit Angehörigen und Patienten und sorgen für die Medikation der Heimbewohner.“ Ein wichtiges Element der Ausbildung sei beispielsweise auch die Psychologie.

Auch müssten Pfleger mehr Geld bekommen, damit der Beruf attraktiver werde, meint Obeng. Die Samariter-Stiftung bezahlt ihre Angestellten nach einem Tarif, des sogenannten öffentlichen Dienstes – ein Verband, der sich für bessere Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen einsetzt. „Pfleger bekommen bei uns Nacht- und Wochenendschichtzuschläge, was in diesem Beruf leider nicht selbstverständlich ist“, sagt Jennifer Obeng.

Wie der Arbeitsalltag im Pflegesektor aussehen kann, erfahren die Besucher beispielsweise bei einem Rollator-Parcours: Sie lenken das Hilfsmittel möglichst schnell um Hindernisse wie Tische und Stühle. Dennoch hielt sich der Ansturm an Interessierten in Grenzen, nur einige Jugendliche besuchen das Pflegeheim. Das erklärt Jennifer Obeng mit der etwas abgeschiedenen Lage im Vergleich zu den anderen Geislinger Betrieben und Einrichtungen, die an der Aktion teilnahmen. Zudem verspätete sich einer der Tour-Busse. Viele Teilnehmer finden deshalb nicht die Zeit, sich alle teilnehmenden Institutionen in Geislingen anzuschauen. Doch bei der Samariter-Stiftung finden sich nicht nur Ausbildungsberufe in der Pflege, sondern auch in der Verwaltung.

50 Bewerbungen für einen Job

Wesentlich beliebter scheint dagegen eine Ausbildung bei der WMF zu sein. Die WMF-Group. zieht bei der Nacht der Ausbildung viele Menschen an, was auch am Stellenangebot liegen dürfte: Sie bildet in Geislingen momentan 116 Informatiker, Kaufleute, Techniker und duale Studenten aus. WMF-Ausbildungsleiter Karl Grötzinger betont, wie wichtig es für junge Menschen sei, sich über die vielen Berufe gut zu informieren: „Die Jugendlichen entscheiden über ihre nächsten 50 Jahre.“ Karl Grötzinger muss als Ausbildungsleiter ebenfalls entscheiden – und zwar Jahr für Jahr. Bis zu 50 Interessierte bewerben sich bei der WMF allein auf eine Ausbildungsstelle im Unternehmen. Was ihm dabei nicht gefällt? Rechtschreibfehler in Bewerbungen und schlechte Zeugnisnoten in Verhalten und Mitarbeit. „Wir brauchen engagierte Menschen, die motiviert und teamfähig sind“, betont der Ausbildungsleiter. Politisches Engagement oder aktive Vereinsmitgliedschaft würden mehr über einen Bewerber aussagen, als Spitzennoten. Zudem legt Karl Grötzinger auch großen Wert auf Selbstständigkeit. Das Programm für die Nacht der Ausbildung stemmten die neuen Auszubildenden, verrät er: „Vieles organisieren sie komplett selbst, da müssen erfahrene Mitarbeiter gar nicht helfen.“ So durften sich die jungen Besucher zum Beispiel in der Metallverarbeitung versuchen.

Wie die Arbeit bei der WMF in Geislingen aussieht, verraten Miriam Uebele und Julian Gruber. Sie absolvieren gerade ein duales Studium als Wirtschaftsingenieure und informieren über den Ingenieurberuf. Zwischen Hörsaal und Betrieb hin und her zu wechseln macht den Nachwuchsingenieuren nichts aus: „Wenn andere in der Berufsschule sind, sitzen wir eben im Hörsaal“, sagt Miriam Uebele. Kollege Julian Gruber zog für das duale Studium bei der WMF sogar aus der Nürnberger Gegend nach Heidenheim. Wieso er sich für die Württembergische Metallwarenfabrik entschieden hatte? Er sah in seiner Heimat in einem Geschäft eine Kaffeemaschine von WMF und „dann wollte ich unbedingt hier arbeiten und bewarb mich. Die Distanz nehme ich hin.“