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< Soziale Fähigkeiten entscheiden über Berufschancen
01.10.18 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Jüngst erschienen im "Klarer Kurs", 53-grad-newsletter.de


**Liebe Leserinnen, liebe Leser,**


 Cafés, in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten und in alltäglichen
 Situationen auf Menschen ohne Behinderung treffen, gibt es inzwischen
 viele, oft liegen sie mitten in der Stadt, versorgen geschäftig
 Einkaufende, zufällig Vorbeikommende, Besucher der
 
 Volkshochschule wie in Stuttgart oder Studenten auf dem Campus wie in
 Berlin. Eher selten aber findet man sie an einem so besonderen Ort wie
 einer KZ-Gedenkstätte – wie beispielsweise in Hamburg: Dort betreiben
 die Elbe-Werkstätten seit Ende 2015 die Cafeteria der Gedenkstätte des KZ
 Neuengamme mit einer Außenarbeitsgruppe im Berufsbildungsbereich. Die
 Gedenkstätte besuchen vor allem Jugendliche mit ihren Schulklassen, auch
 aus dem Ausland, täglich bis zu 22 Gruppen. An Wochenenden und Ferientagen
 sind es eher Familien und Reisegruppen aus europäischen Nachbarländern,
 die nach Neuengamme kommen.
 
 In der Cafeteria machen die Schüler eine kurze Pause, diskutieren über
 Gesehenes, whatsappen oder stehen am Tresen an und warten, bis sie
 drankommen. Sie treffen hier ? nicht alle wissen vorher, wer sie hier
 bedient ? auf Menschen mit Behinderung, und beide müssen miteinander
 kommunizieren. "Spannend", findet Gruppenleiterin Janine Kell, "wie die
 Schüler reagieren, wenn ein Mensch mit Behinderung sie bedient, sich
 vielleicht im Ton vergreift oder einfach überfordert ist mit Zahlen und
 Extrawünschen. Manche Schüler sind erschrocken, andere eher dreist,
 manchmal unverschämt und wieder andere kommen extra nochmal zum Tresen und
 bedanken sich. Damit die Beschäftigten auch gewappnet sind für den
 Umgang, machen wir morgens Rollenspiele: Wie kann ich reagieren, wenn
 jemand über mich lacht oder unfreundlich ist?" Lösungen finden, damit es
 einem besser geht, und Antworten für ein nächstes Mal: Die Beschäftigten
 lernen im täglichen Umgang, für sich einzustehen und zu sagen, wenn sie
 etwas nicht in Ordnung finden oder etwas ihre Arbeitsorganisation stört.
 Und das lernen sie selten im Schutzraum Werkstatt.
 
 Bevor die Elbe-Werkstätten die Cafeteria übernehmen, diskutiert man
 intern die Frage, ob denn eine WfbM eine Außenarbeitsgruppe in einer
 KZ-Gedenkstätte etablieren dürfe, durchaus kontrovers und heftig. Man
 einigt sich, eine Außenarbeitsgruppe dort einzusetzen, wenn die
 Beschäftigten so darauf vorbereitet werden, dass sie selbst entscheiden
 können, ob sie dort arbeiten wollen. Also nehmen alle Interessenten an
 einer intensiven und vier Tage umfassenden, selbst entwickelten Schulung
 teil. Einer, der sich danach für die Cafeteria entscheidet, ist Florian
 Hagenah. "Wir haben immer wieder darüber gesprochen, auch mit den Guides,
 was mit den Menschen auf dem Gelände passiert ist." Anfangs sei es
 schwierig gewesen, inzwischen komme er klar, im Vordergrund stehe seine
 Arbeit: In der Küche hat der 25-Jährige den Hut auf. Ohne eine solche
 Haltung würde wohl niemand in dieser Umgebung arbeiten können.
 
 Anja Heide, Betriebsleiterin des Werkstattstandorts Elbe-Ost, und Stephan
 Taschke, Verwaltungsleiter der Gedenkstätte, sind sich einig: Die
 Kooperation ist "unglaublich befruchtend" und sie ist enorm wichtig,
 denn:"Die Menschen mit Behinderung sind durch ihre Mitwirkung in der
 Gedenkstätte aktiver Teil der Erinnerungsarbeit. Und das an diesem
 historischen Ort, der so sehr für Ausgrenzung steht. Das hat
 Signalcharakter."
 
 Ein mutiges Projekt. Gerade in Zeiten eines wachsenden Rassismus, eines
 wieder salonfähig gewordenen Neo-Nationalismus in Deutschland.