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10.05.16 - Kategorie: Diakoniestation Aalen, Samariterstift Aalen, Neues aus der Samariterstiftung

Endlich selbstbestimmt leben

Einzigartig im Land: Appartementhaus für Menschen mit Behinderung in der Gartenstraße in Aalen


09.05.2016 Gmünder Tagespost

In der Gartenstraße, am Rand des Aalener Stadtzentrums, entsteht zurzeit ein Wohnhaus mit Appartements für Menschen mit Behinderung. Dieses Projekt sei bisher in Baden-Württemberg einzigartig, erklären die Begründer: die Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb und der Landkreis. 

Aalen. „Die Nachfrage nach Wohnungen für Menschen mit Behinderung steigt stetig an“, weiß der Regionalleiter der Behindertenhilfe Ostalb, Michael Schubert. Wenn Eltern älter würden und ihre inzwischen erwachsen gewordenen, behinderten Kinder nicht mehr adäquat versorgen können, benötigten sie Wohnangebote, die auf die individuellen und pflegerischen Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sind.
 Die Samariterstiftung Behindertenhilfe Ostalb habe diesen Bedarf erkannt und baue deshalb auf einem knapp 1000 Quadratmeter großen Grundstück in der Gartenstraße ein Appartementhaus mit 20 Plätzen. Der Ostalbkreis unterstütze dieses neue innovative Wohnangebot.
 Im „Ambulant betreuten Wohnen“ leben junge Leute, die tagsüber in einer der Werkstätten der Behindertenhilfe arbeiten, aber auch Senioren, die im Erdgeschoss des Wohnhauses in einer Tagesbetreuung versorgt werden. „Das ist in Baden-Württemberg die bisher einzige Einrichtung, die Menschen mit hohem und komplexem Pflegebedarf Appartements anbietet. Ein tolles Projekt“, betont Michael Schubert. Der Ostalbkreis sei dem Bedürfnis nach zentrumsnahen, ambulant betreuten Wohnungen nachgekommen und habe in der Kreishilfeplanung den entsprechenden Wohnbedarf berücksichtigt, ergänzt die Leiterin des Geschäftsbereiches Soziales im Aalener Landratsamt, Julia Stivala. In den zehn Appartements seien Wohngruppen für bis zu vier Personen ebenso vorgesehen wie Einzelwohnungen.

Ein 24-Stunden-Bereitschaftsdienst kann Bewohnern bei Bedarf helfen
 Michael Dörfler ist einer der Bewohner, der dort künftig alleine leben wird. „Mehr Freiheit“ erhofft er sich in einer eigenen, kleinen Wohnung. Momentan lebt der 52-Jährige mit 13 Mitbewohnern in der Bohlstraße. In einer solchen Gruppe müsse man ständig Rücksicht nehmen, sagt Dörfler. Er sei froh, dass er in Zukunft eine eigene Küche und ein eigenes Bad habe. Und dass er selbstbestimmer leben könne.
 Auch Dörflers Mitbewohner Martin Oberdorfer freut sich schon auf seine neue Wohnung – und das hat ganz pragmatische Gründe: Im Winter, wenn die steile Bohlstraße verschneit oder vereist ist, kommt der junge Mann, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, schlichtweg nicht mehr aus dem Haus. In Zukunft hat er dieses Problem nicht mehr, denn die Gartenstraße liegt eben und das Stadtzentrum ist nicht weit.
 Martin Oberdorfer ist viel unterwegs mit seinem elektrischen Rolli. Dass er sich in der Gartenstraße selbst darum kümmern muss, was er einkauft, welche Mahlzeiten er sich zubereiten möchte und wie er seine Wohnung in Ordnung hält, erfüllt ihn schon jetzt mit Neugierde. Angst hat der 32-Jährige jedoch nicht vor diesem neuen Lebensabschnitt, denn er weiß, dass eine 24-Stunden-Bereitschaft im Haus ist, sollte er Hilfe benötigen.

 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe kümmern sich um die Bewohner in der Gartenstraße. Sie begleiten Michael Dörfler und Martin Oberdorfer und helfen ihnen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. „Der Start wird sicherlich nicht ganz einfach. Das ist für uns alle eine Herausforderung“, räumt die Heilerziehungspflegerin und Teamleiterin der Aalener Wohngruppen, Ulla Hoops-Koch, ein.
 Die künftigen Bewohner der Gartenstraße haben sehr unterschiedliche Behinderungen und damit auch differenzierte pflegerische Anforderungen: Brigitte Krumpes Tochter Melanie zum Beispiel lebt momentan noch im Elternhaus. Sie ist geistig behindert, braucht einen vertrauten Rahmen und einen strukturierten Tagesplan. Fühlt sie sich verunsichert, läuft sie weg. Um zu verhindern, dass Melanie das Haus an der stark befahrenen Gartenstraße unbeaufsichtigt verlässt und sich selbst in Gefahr bringt, trägt sie ein spezielles, mit einem Respondersystem ausgestattetes Armband. Sobald sie sich der Haustüre nähert, wird diese automatisch verriegelt. Martin Oberdorfer hingegen kann sich vollkommen frei bewegen. Diese unterschiedlichen Interessen gilt es buchstäblich, unter einem Dach zu vereinen.
„Wir sind der Meinung, dass Menschen mit hohem Hilfebedarf nicht in großen Wohnkomplexen auf der grünen Wiese, sondern lieber in kleineren Einrichtungen in der Innenstadt leben sollen“, betont die Bereichsleiterin Wohnen, Gisela Graf-Fischer.
 Genau dies kann Martin Oberdorfer nur bestätigen: „Das ist für mich das größte und schönste Ereignis“, sagt der junge Mann und strahlt dabei. Aufgrund seiner schweren körperlichen Behinderung hätte er nie gedacht, dass er einmal die Chance bekommen würde, in einer eigenen Wohnung zu leben. Jetzt zählt er die Wochen bis zum Einzug. Ein wenig Geduld muss er allerdings noch haben: Das Haus in der Gartenstraße wird voraussichtlich Ende Oktober/Anfang November bezugsfertig sein.