„Findet mich das Glück – im Pflegeheim?“ (frei nach Fischli und Weiss)
Das BELA ‐ Netzwerk –Bürgerengagement für Lebensqualität im Alter: stationäre Einrichtungen in Baden‐Württemberg gehen den Wandel in der Freiwilligenarbeit gemeinsam an
Von Dipl.Psych. Irene Steiner, fachliche Koordination , BELA III Netzwerk, Bissingen
1. Die Agenda: Wissen und Handeln: Wir wissen es: Die globale Gesellschaft des langen Lebens hat längst begonnen. Unsere Lebensumstände sind geprägt von wachsender Hochaltrigkeit, zunehmender Individualisierung und Singularisierung von Lebensentwürfen und von Lebensumwelten, die durch neue Technologien und eine unglaubliche Vervielfältigung von Waren und Informationen komplex und anstrengend geworden sind. Das gilt für Menschen jeden Lebensalters, besonders aber für Ältere. Die Versorgungslandschaft am Ende des Lebens ist mächtig in Bewegung geraten. Stationäre Einrichtungen sind keine ruhigen Inseln mehr, sondern sind von diesen gesellschaftlichen Veränderungen betroffen und gezwungen ihrerseits Antworten zu entwickeln: das hat sich z.B.BELA‐Netzwerk in Baden‐Württemberg vorgenommen, in dem stationäre Einrichtungen Fragen zum Bürgerengagement gemeinsam angehen. Wir wissen auch: Bürgerschaftliches Engagement in Pflegeeinrichtungen schafft mehr Lebensqualität für Bewohnerinnen und Bewohner. Es ermöglicht Teilhabe und gemeinsames Erleben, es baut Brücken zwischen Generationen. Und es sorgt für die Verwurzelung der Pflegeeinrichtung vor Ort, in der Kommune.
Bürgerschaftliches Engagement ist ein Qualitätsfaktor in der Pflege. Das haben die Vorgängerprojekte „Bürgerengagement für Lebensqualität im Alter“– ein landesweiter Wettbewerb und ein dreijähriger Praxisverbund mit 19 Einrichtungen – eindrucksvoll aufgezeigt. Auf dieser Basis haben sich in Baden‐Württemberg seit Sommer 2008 stationäre Einrichtungen trägerübergreifend zu einem auf Dauer angelegten Netzwerk zusammengeschlossen, an dem sie sich mit Eigenmitteln beteiligen.
2. Das Netzwerk: Strukturen, Akteure: BELA III ist ein themenbezogenes Netzwerk von Einrichtungen und Trägern der stationären Altenhilfe – trägerübergreifend und landesweit, in Verbindung mit Partnern aus Sozialpolitik und Seniorenarbeit. Es ermöglicht Verbindungen, Austausch und Vertretung nach außen. BELA III bietet als Netzwerk Support für eine Weiterentwicklung der Lebensqualität von Bewohnerinnen und Bewohnern durch Beteiligung von Bürgerengagement: Eine Internetplattform bietet Zugang zu einer Projektbörse und Netzwerkmaterialien. Es organisiert trägerübergreifenden Austausch, regional und zentral. Es bietet Anregungen zu den Themen „Förderung von Bürgerengagement“ und „Öffnung“ in Form von Bildungsangeboten, selbstbestimmten Arbeitsgruppen und Konferenzen. Es unterstützt Möglichkeiten zum gemeinsamen Aufbau neuer Partnerschaften in den Regionen. BELA III ist der Lebensqualität in gemeinschaftlicher Verantwortung verpflichtet und bietet Gelegenheit, dieses Profil zu schärfen und als Qualitätsverbund öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Angestrebt werden gemeinsame Entwicklung von Qualitätsstandards für die Beteiligung von Freiwilligen, Darstellung des Profils durch geeignete Medien und Präsentationsformen, Entwicklung und Erprobung von geeigneten Lernbausteinen für Freiwillige.
Das Projekt BELA III will landesweit Strukturen schaffen, um bürgerschaftliches Engagement systematisch zu fördern. Mit dem Aufbau eines Netzwerkes stationärer Einrichtungen und ihrer Träger schafft es den Rahmen, um neue Betreuungskonzepte mit Freiwilligen und Angehörigen zu entwickeln und zu erproben. Im Netzwerk sind derzeit rund hundert stationäre Einrichtungen aus über 40 verschiedenen Trägern der Altenhilfe aus Baden‐Württemberg organisiert. Neue Schritte sind riskant. Am Anfang standen Bedenken: Ist die Zeit für ein Netzwerk bereits gekommen? Wird ein solches Unterfangen (heute schon) von Einrichtungen und Trägern verstanden und angenommen angesichts verschärfter Konkurrenz? Besteht die Bereitschaft, dafür eigene Mittel aufzubringen?
Wie jedes Netzwerk lebt BELA vom Engagement und vom regen Austausch seiner Mitglieder. Und wie in jedem funktionierenden Netzwerk ist die Teilnahme freiwillig. Umso wichtiger sind gemeinsame Grundsätze und Arbeitsprinzipien. Dazu gehören die Kooperation und der Austausch über Regionen‐ und Trägergrenzen hinweg, die Orientierung an verbindlichen Qualitätsstandards, die Offenheit gegenüber neuen Formen der Zusammenarbeit von Haupt‐ und Ehrenamtlichen und das Bekenntnis zu Qualifizierung und Weiterbildung. Ein zentrales Projektbüro koordiniert die Aktivitäten. Bis zu fünfzehn Regionalpartner unterstützen es als regionale Anlaufstellen. Die Internetseite www.bela3.de dient als zentrale Informationsplattform. Das Landesministerium für Arbeit und Soziales, die kommunalen Landesverbände und der Landesseniorenrat bilden die Trägergemeinschaft des Projektes BELA III. Sie wird ergänzt durch 8 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kreis der Träger von Mitgliedseinrichtungen. Das Netzwerk soll sich mittelfristig selbst organisieren und über Mitgliedsbeiträge selbst finanzieren. Die dreijährige Aufbauphase von 2008 bis 2010 fördert die Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung in der Robert Bosch Stiftung zu jeweils 2/3. Die restlichen Mittel kommen aus einem Eigenmittelfonds. Grundlage für die Mitgliedschaft von Einrichtungen ist ein Beitrag von €10 pro Heimplatz und Jahr sowie die Anerkennung der Arbeitsgrundlagen. Das Netzwerk wird in der Fläche von bis zu fünfzehn Regionalpartnern getragen. Sie sind lokale und regionale Anlaufstellen, koordinieren die Aktivitäten und Fortbildungen in ihrer jeweiligen Region und treiben die Vernetzung der Mitglieder voran. Die Regionalpartner sind engagierte Mitgliedseinrichtungen und einige Landkreise, die als Knotenpunkte fungieren. Eine wichtige Rolle spielt die Einbindung von Partnern vor Ort: Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen, Seniorenräten, Kirchengemeinden, Schulen, Vereinen bis hin zu Betrieben.
3. Erste Erfahrungen: Erwartungen, Mehrwert, partizipative Bildung: Aus der Evaluation (Thomas Pfundstein, EFH Freiburg) wissen wir, dass BELA‐Mitgliedschaften auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit beruhen. Sie kommen meist über persönliche Vermittlung zustande. Die klassische Pressearbeit spielt keine herausragende Rolle. An erster Stelle erhoffen sich Mitglieder Erfahrungsaustausch, der neue Anregungen bringt. Aber auch die anderen in der Evaluation formulierten Erwartungen decken sich in vielen Punkten mit dem Gewinn, mit dem BELA III wirbt:
- Erfahrungsaustausch: Wer über den Tellerrand hinausschaut, sieht mehr, erhält neue Impulse und lernt von Anderen.
- Kompetenz: Das Netzwerk versteht sich als Qualitätsverbund mit verbindlichen Standards und breiten Qualifizierungsangeboten.
- Experiment: Das Netzwerk erleichtert das Erproben neuer Ansätze und Konzepte.
- Profil: Die gemeinsame Außendarstellung als „Marke“ funktioniert als Qualitätsversprechen und schärft das Profil des Netzwerks und der einzelnen Einrichtung.
- Stimme: Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit und starke Partner verschaffen den Einrichtungen Gehör in Gemeinde, Gesellschaft und Politik.
- Sinnstiftung: Tragfähige Strukturen ermöglichen Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Freiwilligen sinnvolle, wertschätzende Tätigkeiten.
- Reflexion: BELA schafft einen Raum für die Fragen, die im Arbeitsalltag untergehen; das Netzwerk bietet nicht nur praktische, sondern auch philosophische Nahrung.
- Gemeinschaft: Als Netzwerk schafft BELA Kontakte, das gemeinsame Thema verbindet, es schafft Gemeinschaft und Unterstützung.
- Verwurzelung: Die Einbindung von Freiwilligen erhöht Vertrauen und Akzeptanz in den Gemeinden.
- Lebensqualität: Wohl der größte Nutzen: Mehr Lebensqualität für die Bewohnerinnen und Bewohner.
Das BELA‐Netzwerk verzeichnet einen rasanten Start. Beteiligung bringt das Netzwerk in Gang. Die gemischten Gruppen und Veranstaltungen aus Freiwilligen und Hauptamtlichen fordern heraus, aber bereichern auch. Im zweiten Jahr kristallisieren sich netzwerktypische Lern‐ und Austauschformen heraus. Zu den besonderen Formaten zählen Dialogveranstaltungen für gemischte Gruppen von Freiwilligen und Fachkräften und regionale Impulsveranstaltungen (bisher 5). Sie bringen öffentliche Kommunikation in Gang. Sie richten sich an Interessierte in der Region und beziehen auch die politische Ebene ein. An diesen „Tischgesprächen am Abend“ gibt es Impulse und Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch. Trägerübergreifend Kurse für Freiwillige im Modulsystem entstehen. Sie umfassen 4 halbtägige Seminare zu bisher 2 Schwerpunkten (Qualifizierung zur „Alltagsgestalter/in“und Vorbereitung für Interessierte als „Demenzbegleiter/‐ in“. Bildungsarbeit im Netzwerk als Einstieg für neue Freiwillige gewinnt an Qualität, nimmt zugleich der einzelnen Einrichtung Aufgaben ab und verbessert die Stimme in der Öffentlichkeit.
Halbtägige, themenzentrierte Foren gehören zu den wirkungsvollsten Beteiligungsformen. Mitglieder können regionsübergreifend an einem Prozess mitwirken. Die Moderation übernehmen Partner/innen einer BELA‐Einrichtung im Tandem mit einem/r Fachexperten/ ‐in. Die Themen bilden ab, was im Netzwerk interessiert: „demenzfreundliche Kommune“ „bürgerschaftliches Engagement in Hausgemeinschaften“, „Zusammenarbeit mit Schulen“ „Neue Partnerschaften zwischen stationären Einrichtungen und Betrieben“ „im Tandem stark“ „Fit für neue Partnerschaften“und „Wir im Quartier“. Die Netzwerkkommunikation wird zusätzlich zur jährlichen Verbundkonferenz über die gemeinsame Internetplattform angestoßen. Ab Herbst steht allen Mitgliedseinrichtungen eine Projektbörse mit Suchfunktionen zu Erfahrungsfeldern im Bürgerschaftlichen Engagement aus den Reihen der BELA-Mitglieder zu Verfügung. Gearbeitet wird nach dem Prinzip Erfahrungen teilen statt horten: Voneinander wissen schafft Vertrauen. Miteinander lernen regt an. Neues entdecken bringt auf Ideen. Gegenseitig gewinnen stärkt. Dass Kommunikation einfach und leicht gelingt, bemerken Mitglieder immer wieder mit Verwunderung.
4. Den Wandel in den Blick nehmen und angehen: Wovon BELA ein Teil ist
Im Netzwerk wird Wandel leichter, anregend und verkraftbar. Und Wandel ist angesagt. Die Leitbilder für ein würdevolles Leben bei Pflegebedürftigkeit in stationären Einrichtungen haben sich in den letzten 60 Jahren grundlegend verändert: vom hierarchischen Anstaltskonzept bis zur fünften Generation dezentraler kleiner Versorgungseinheiten nach dem Hausgemeinschaftsprinzip, in denen die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer Lebensgeschichte und der gemeinsame Alltag im Mittelpunkt stehen. In allen Versorgungsformen haben Freiwillige schon immer eine bedeutsame, aber meist unterschätzte Rolle gespielt. Aus dem Schattendasein herausgeholt wurde die Freiwilligenarbeit in der Altenhilfe erst in den letzten Jahren. Voraussetzung war eine Neubewertung von Alltag und Lebenswelt im Verhältnis zu den Orientierungen professioneller Pflege. In der Gerontologie wurde dies schon lange unter dem Konzept der lebensweltlichen Pflegekultur gefordert (Steiner 1997). Viel bewegt hat die sozialpolitische Debatte um soziale Teilhabe als gesellschaftliches Grundrecht. Auch Menschen in Pflegeeinrichtungen sind darin eingeschlossen. Das belegt sowohl der neue nationale Standard „Teilhabe“ wie auch die Erneuerung gemeinwesenorientierter Konzepte aus den 1970er Jahren – damals unter dem Leitgedanken der Öffnung, heute vermehrt unter dem Begriff der Sozialraumorientierung.
„Beide Konzepte setzen die Verbindung und das Zusammenwirken mit einer interessierten Bürgerschaft voraus. In stationären Einrichtungen kann sich ein solcher Austausch nur entwickeln, wenn sie „eingebettet“ sind und „eingebettet“ werden. Traditionelles freiwilliges Engagement in stationären Einrichtungen kümmerte sich bisher um den direkten Einzelkontakt, oft neben und nur am Rande bemerkt von der professionellen Pflege. Diese Form wird auch in Zukunft die Grundlage der Begleitung darstellen. Aber auch sie steht vor einem Wandel. Die besonderen Herausforderungen von Menschen mit Demenz fördern Interesse und Bereitschaft von Freiwilligen an Qualifizierung. Der Motivwandel bei den Freiwilligen selber verlangt eine Erneuerung der bisherigen ehrenamtlichen Arbeit. Er betrifft die Altenarbeit ganz besonders. Sie stützt sich heute in der Regel noch auf eine pflichtorientierte Generation von Freiwilligen. Neue Freiwilligengenerationen zeigen andere Merkmale und Erwartungen. Die Einrichtungen müssen sich umstellen. Die Rahmenbedingungen für Freiwillige müssen reflektiert und verändert werden. Vor allem aber setzt dieser Wechsel eine „Kultur 6 der gleichen Augenhöhe“ voraus. Hier zeigen sich für Verantwortliche komplexe und neuartige Entwicklungsfragen. Altenarbeit gehörte bisher nicht zu den favorisierten Feldern der neuen Freiwilligenarbeit. Altenpflege steht hier in Konkurrenz zu Kulturarbeit, ökologischen Handlungsfeldern und Jugend‐ und Kinderarbeit. Pflegeeinrichtungen als soziale Lernorte mit besonderen Chancen brauchen öffentliche Stimmen und Marketing für das „ewisse Etwas“.
Dieses Feld bietet viele Aufgaben mit Sinnperspektive. Es ermöglicht Gestaltungsspielräume. Engagierte überrascht die hohe Selbstwirksamkeit in der Praxis. Sie erleben Resonanz und können Gesellschaft im Kleinen mitgestalten. Allerdings erschließt sich der Mehrwert meistens erst im und während des Engagements. Die Altenhilfe und besonders die Pflegeeinrichtungen unterliegen nach wie vor einer unsichtbaren Exklusion und Stigmatisierung. Eindrückliche architektonische Veränderungen vermochten bisher nicht grundlegend die Leitbilder für das hohe Alter zu verändern. Dem Gerontologen Andreas Kruse zufolge haben wir uns mental noch nicht darauf eingestellt, dass wir uns mit einem verlängerten Leben auch grundlegend mit Situationen des Angewiesenseins anfreunden müssen. Als erwartbarer Teil des eigenen Lebens sind sie nicht zu delegieren, höchstens mehr oder weniger passend von Experten zu flankieren. Wir kommen nicht umhin, eine Kultur des persönlichen und gesellschaftlichen Umgangs aufzubauen und auch diese Lebensphase in eigener Verantwortung zu gestalten. Dazu braucht es eine praktische Kultur der Verbundenheit, von der alle Beteiligten etwas haben. Wir benötigen „ingebettete Einrichtungen“.
Sie beruhen auf dem verbindlichen Zusammenwirken kleiner und größerer Kreise im Sozialraum. Stationäre Einrichtungen sind selbstverständliche Partner und können eine aktive Rolle spielen. Es geht um neue Zusammenschlüsse von Bürgerinnen und Bürgern, von Einrichtungen und Engagierten, von andern Organisationen und Pflegeheimen, um das hohe Alter und ein Leben mit Pflege „gesellschaftsfähig“zu machen. Heute gewinnen dadurch Bewohnerinnen und Bewohner und Beschäftigte in stationären Einrichtungen. Für die Zukunft verbessern wir die Rahmenbedingungen unseres eigenen Alterns. Voraussetzung ist allerdings, dass wir einen realistischen Blick entwickeln und handeln anstatt in Verleugnung und Problemdelegation zu verharren und an alten Lösungen festzuhalten. Einbettung ist ein gegenseitiger Prozess. Er erfordert wechselseitige Initiative und die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten. Er wird nicht ohne Anstrengung sein. Es gibt dazu aber auch keine Alternative.
Einbettung entsteht durch drei Prozesse (Edwards 2009 S. 30 ):
Bonding: Kontakte aufnehmen und Bindungen bewirken. Dieser vertrauensbildende Prozess zwischen Menschen, die bereit sind zum Engagement, und stationären Einrichtungen erfordert heute gekonnte und systematische Anbahnung und Vermittlung, gute Gelegenheiten zum Schnuppern und eine Kultur der Offenheit bei den Mitarbeitern. Nur so können sich Menschen von außen auch eingeladen fühlen.
Bridging: Brücken bauen. Zwei Ufer verbinden. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger sind Pflegeeinrichtungen fremde Welten. Es bestehen kaum Vorstellungen, was man darin verloren haben^könnte ohne direkten Anlass. Der Ort mit geballter Präsenz von Einschränkung und Behinderung irritiert oder schreckt sogar ab. Eine Kultur der inneren und äußeren Distanz wirkt der gewünschten Einbettung entgegen. Wenn neue Zielgruppen für ein Engagement gewonnen werden sollen, erfordert dies einen Prozess des Kennenlernens, der Abstimmung von Zielen und Bereitschaften und gegenseitiger Anerkennung der Unterschiede. Heute würde man von „Diversity Management“ sprechen. Dazu braucht es Strukturen und oftmals geeignete Türöffner, die nicht aus den Einrichtungen selber kommen. Einrichtungen können diese Brückenfunktionen kaum aus sicher selber heraus leisten, sondern sind auf Vernetzungsstrukturen im Sozialraum angewiesen. Ein gutes Beispiel ist zur Zeit das vermehrte Interesse von Schulen an sozialen Engagementfeldern in Pflegeeinrichtungen.
Linking: Verlässliche Verbindungen und Partnerschaften herstellen. Teilhabe kommt dann in Gang, wenn systematische Prozesse der Beteiligung und Deinstitutionalisierung den Ausgrenzungen, die mit dem Leben in einer Pflegeeinrichtung verbunden sind, entgegenwirken. Unter dem Motto „Mehr Alltag und Normalität“ werden zur Zeit Rahmenbedingungen verändert, die Beteiligung von engagierten Einzelpersonen und gesellschaftlichen Gruppen leichter und attraktiver machen werden/sollen. Diese verbesserten Rahmenbedingungen führen aber nicht automatisch zu neuen Kooperationsformen. Um in solchen Lebensräumen den Alltag gemeinsam zu gestalten, sind erweiterte Kompetenzen und ein gemeinsames Sinnverständnis in Arbeit und Engagement bei Freiwilligen und Fachkräften notwendig. Ein Zusammenwirken, das in Richtung Ko‐Produktion geht, setzt Begleitung und Lernen am Prozess voraus. Auch hierzu gilt es, Personalentwicklung, Strukturen und geeignete Prozesse aufzubauen.
Stationäre Einrichtungen stehen unter Druck. Sie müssen Antworten suchen und finden für neue Anforderungen und dies unter engstem Zeitbudget und begrenzten finanziellen Ressourcen. Bildungsprozesse in Netzwerken können auf solche Herausforderungen eine effektive und tragfähige Antwort darstellen. Sie bringen Synergie und Kreativität und erlauben unkompliziertes Bench‐Marking. Österreichische Autozulieferer praktizieren dies seit 20 Jahren. Dem BELA‐Netzwerk steht eine weitere Herausforderung noch bevor: Nach der Aufbauphase Ende 2010 soll die Verantwortung in die Hand der Träger übergehen. Das landesweit angelegte Netzwerk soll in starken Regionen operieren. Eine schlanke zentrale Struktur mit einer interaktiven Internetplattform sorgt für den notwendigen Zusammenhang und Kommunikationsfluss. Dafür müssen allerdings mittelfristig Drittmittel erschlossen werden. So werden die Einrichtungen von weiteren Abgaben für das Netzwerk entbunden. Der Schulterschluss von Trägern wird der Prüfstein für das Netzwerk werden. Es ist zu hoffen, dass sich bis dahin die strategische Bedeutung von BELA III noch deutlicher zeigt. Der Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Hermann Brandenburg ( KFH, Freiburg) hat bei der BELA-Auftaktveranstaltung am 15.Juni 2009 in Fellbach ein eindeutiges Plädoyer abgegeben: „Bela verändert vieles. Der wichtigste Punkt ist aus meiner Sicht, dass BELA einen wichtigen Beitrag zum Pflege‐Mix darstellt. Die Pflege der Zukunft (aber auch schon der Gegenwart) kann nur im Zusammenwirken von Professionellen und bürgerschaftlich Engagierten gelingen. Allein schafft das keine Gruppe. Und das wäre auch nicht gut oder erstrebenswert, denn die Perspektiven müssen und sollen sich ergänzen. Das Leben ist vielfältig und BELA ist es auch. Insofern leistet BELA einen Beitrag zum Wandel der Pflegekultur in Deutschland. Einfach ist das nicht, aber eine Alternative dazu gibt es aus meiner Sicht nicht.“
5. Literaturhinweise:
Brandenburg H ( 2009): Kommentar zur BELA –Auftaktveranstaltung. Stuttgart (UnveröffentlichtesManuskript)
Edwards M(2009): Civil Society. Cambridge (Polity Press)
Fischli P und Weiss D: Findet mich das Glück. Köln (Walther König)
Kruse A ( 2009): Haben wir eine Pflegekultur –Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Vom Bürostuhl zum Pflegebett“des Landesfamilienrates , Baden‐Württemberg
Steiner‐Hummel I (1997): Bürgerschaftliches Engagement und die Entwicklung einer lebensweltlichen
Pflegekultur. In: Braun U, Schmidt R (Hg.) (1997): Entwicklung einer lebensweltlichen Pflegekultur. Regensburg (Transfer), 113‐132.







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