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Impulsreferat „Menschen mit psychischem Handicap auf dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg“ anlässlich der Einweihung des Sozialpsychiatrischen Zentrums in Schwäbisch Hall

 

Sehr geehrter Herr Dr. Fritz,

meine Damen und Herren,

 

ich freue mich, heute hier in Schwäbisch Hall zu sein und möchte mich für die Einladung herzlich bedanken. Im Sommer veröffentlichte der Bundesverband der Betriebskrankenkassen Zahlen, die aufhorchen lassen: Zwar melden sich in Deutschland immer weniger Arbeitnehmer krank, doch die Zahl derer, die wegen psychischer Beschwerden ausfallen, ist drastisch angestiegen. Demnach gehen mittlerweile 8,9 Prozent  aller Krankentage auf psychische Störungen zurück. Ein Jahr zuvor waren es noch 8,5 Prozent, im Jahr 1976 lag dieser Anteil bei nur zwei Prozent. Auch die Zahl der Tage, an denen Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen ausfielen, nahm zwischen 2001 und 2006 zu – um ganze 17 Prozent. In allen anderen Krankheitsarten gingen hingegen die Fehlzeiten um 15 Prozent zurück. Besonders auffällig ist die Zunahme sogenannter affektiver Störungen wie Depressionen. Hier wurde im Zeitraum 2001 bis 2006 allein ein Anstieg der Fehlzeiten um 35 Prozent gemessen.

 

 

 

Diese Zahlen belegen: Psychische Störungen nehmen deutlich zu und haben massive Auswirkungen auf den Berufsalltag. Auch wir, die Bundesagentur für Arbeit, erkennen diese Entwicklung. Im Jahr 2007 nahmen zwar in Baden-Württemberg weniger behinderte Menschen die Hilfe der Bundesagentur bei der beruflichen Eingliederung in Anspruch, die Zahl der psychisch Behinderten blieb aber mit rund 1500 Personen konstant. Das bedeutet: Ihr Anteil steigt. Das bedeutet aber auch, dass sich die Entwicklung auf dem ersten Arbeitsmarkt mit einer gewissen Zeitverzögerung auf dem zweiten Arbeitsmarkt – und damit in den Werkstätten für behinderte Menschen und in den Rehabilitations-Einrichtungen – fortsetzen wird. Kurz gesagt: Der Bedarf an solchen Plätzen nimmt zu. Nicht allein Sozialbetriebe, Träger und Arbeitsagenturen müssen sich dieser Herausforderung stellen, auch Unternehmen, Politiker und nicht zuletzt die Gesellschaft insgesamt sind gefragt.

 

Kein Zweifel, der Wohlstand in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll gestiegen. Doch hat diese Entwicklung auch ihren Preis: Arbeitsdruck und Leistungsanforderungen nehmen zu, Aufgaben werden komplexer und erfordern mehr Flexibilität. Es scheint, dass eine zunehmende Zahl von Menschen den Belastungen nicht Stand halten kann und an Leib und Seele krank wird.

 

Trotz dieser – schon seit den 80er-Jahren beobachteten – Entwicklung gilt natürlich: Arbeit und Beschäftigung sind wichtige Eckpfeiler eines erfüllten Lebens – auch oder gerade für psychisch kranke Menschen. Für sie ist Erwerbstätigkeit eine wichtige Voraussetzung, um gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilzuhaben. Zudem hat die aktive Teilnahme an der Berufswelt nachhaltige positive Wirkungen auf den Krankheitsverlauf. Wie gut Rehabilitations-Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung bei psychisch Kranken wirken, zeigt eine aktuelle Studie, die gemeinsam vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von den Rentenversicherungsträgern  finanziert wurde. Die Autoren kommen zu dem eindeutigen Ergebnis: Psychisch kranke Menschen profitieren von den Rehabilitations-Maßnahmen – sowohl beruflich wie auch im Hinblick auf ihre psychosozialen Fähigkeiten. Ein Fünftel der Rehabilitanden fand nach Ende der Integrationsleistungen wieder eine Arbeit. Insgesamt war die Zufriedenheit der Betroffenen mit den Maßnahmen sehr hoch und nahm im Verlauf der Betreuung noch zu. Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass entsprechende Angebote ausgebaut und fester Bestandteil der Versorgung psychisch kranker Menschen werden sollte.

 

In den Werkstätten und Rehabilitations-Einrichtungen bekommen die Menschen erstmals wieder Boden unter die Füße. Hier dürfen sie Gemütsschwankungen zulassen, ohne um den Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Die Krankheit ist zwar immer noch da, doch durch Medikamente und die vorgegebene Struktur tritt vielfach eine persönliche Festigung ein. In der Folge nehmen Krankenhausaufenthalte ab, was natürlich in erster Linie ein Erfolg für die Betroffenen ist, aber auf den zweiten Blick auch der Versichertengemeinschaft zu Gute kommt. Die betreuten Arbeitsplätze bieten den Menschen ein reales Trainingsfeld für die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt, gleichzeitig sind die Werkstätten Rückzugsraum in Krisensituationen.

 

Die Samariterstiftung, eines der großen Sozialunternehmen in Deutschland, hat die Zeichen der Zeit erkannt und geht mit innovativen Projekten voran: Beispielsweise mit dem „Cafe Samocca“ in Aalen, das von behinderten Menschen betrieben wird. Oder mit der erst Anfang Januar aus der Taufe gehobenen Joachim-Jung-Stiftung, die von einem Nürtinger Unternehmen speziell zur Integration psychisch kranker Menschen gegründet wurde. Für rund 80 Menschen, die in einer Werkstatt der Samariterstiftung arbeiten, übernimmt die Firma IST Metz eine Patenschaft. Geplant ist, dass der Betrieb den dort Beschäftigten hilft, einen Arbeits- oder Praktikumsplatz außerhalb der Werkstatt zu finden. Auch die zur Stiftung gehörenden Fränkischen Werkstätten im Landkreis Schwäbisch Hall arbeiten schon seit Jahren eng mit Unternehmen zusammen – in diesem Fall mit der Alfred Kärcher GmbH und der Firma Knauf Integral. Und nicht zuletzt ist die heutige Einweihung des Sozialpsychiatrischen Zentrums mit seinen etwa 40 Werkstattplätzen für psychisch Behinderte ein Beleg für das Engagement der Samariterstiftung.

 

Die Bundesagentur unterstützt die Arbeit der Sozialunternehmen im Südwesten und ist ein zuverlässiger Leistungsträger, wenn es um Werkstätten und Rehabilitations-Einrichtungen für psychisch Kranke und Behinderte geht. Die übergreifend ausgerichtete Rehabilitation bringt medizinische Leistungen mit Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zusammen. Unsere Angebote sind vielfältig und umfassen Maßnahmen von der Berufsvorbereitung über die berufliche Ausbildung bis hin zur kompletten beruflichen Umschulung für Personen, die bereits im Berufsleben gestanden haben. Neben der beruflichen Förderung werden auch Freizeitangebote und sozialarbeiterische Unterstützung in die Maßnahmen integriert. Im Südwesten stehen insgesamt 100 Plätze in Reha-Einrichtungen für psychisch Behinderte zur Verfügung, wobei alle aktuell überbelegt sind. Anträge auf Erhöhung der Kapazitäten laufen, müssen jedoch von der gemeinsamen Konferenz der Krankenkassen, der Deutschen Rentenversicherung und der Bundesagentur abgestimmt werden. In den vergangenen Jahren mussten wir zudem erkennen, dass psychische Behinderungen gerade auch ein Thema bei jungen Menschen ist: Ihre Zahl ist in allen Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken in Baden-Württemberg deutlich angestiegen. In den sieben Berufsbildungswerken hat bei aktuell rund 2100 Teilnehmern mindestens ein Drittel (über 700 Teilnehmer) eine diagnostizierte psychische Behinderung. Bei den Berufsförderungswerken sieht es nicht viel anders aus: Dort sind es 500 von insgesamt 1450 Teilnehmern. Zahlen aus dem Statistischen Landesamt unterstreichen diesen Trend: Demnach wurden 2006 etwa 4100 Kinder und Jugendliche in den Fachkliniken im Land behandelt – dreimal so viele wie 1990.

 

In dem Maße, in dem der Anteil an psychisch Kranken zunimmt, steigen auch die Anforderungen an unsere Berater. Es ist unser Ziel, psychisch behinderte Menschen so weit wie möglich in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir wählen Maßnahmen und Eingliederungsleistungen nach dem individuellen Förderbedarf der Menschen aus. Diese Leistungen erbringen wir unter Wahrung von Wirtschaftlichkeit, Wirksamkeit und definierten Qualitätsstandards. Allein für die Eingliederung in Werkstätten für behinderte Menschen haben die Agenturen in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 43,3 Millionen Euro ausgegeben – so viel wie noch nie. Unsere rund 100 Rehabilitationsberater in den 24 Arbeitsagenturen unterstützen beim Wiedereinstieg in den Beruf: Neben diagnostischen Hilfen durch die Fachdienste (Psychologischer Dienst, Ärztlicher Dienst und Technische Beratung) geht es um Eignungsabklärung und Arbeitserprobung. Besonders qualifizierte Vermittler in den Agenturen und Arbeitsgemeinschaften fördern die dauerhafte Integration dieser Kunden. Jungen Menschen stehen kompetente Ansprechpartner zur Seite, die zum Beispiel den Berufswahlprozess in den Förder- und Sonderschulen einleiten und mit den Jugendlichen eine persönliche Strategie erarbeiten. Integrationsfachdienste sind als sogenannte Dritte ein weiteres wirksames Instrument im Vermittlungsprozess.

 

Die wirtschaftlichen Bedingungen im Südwesten sind gut. Im Jahr 2007 sank die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren. Die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter haben die gute konjunkturelle Stimmung im Südwesten genutzt und mehr Menschen schneller in Arbeit gebracht. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag bei 4,9 Prozent – das sind 1,4 Prozentpunkte weniger als noch im Jahr 2006 (6,3 Prozent). Durchschnittlich waren in Baden-Württemberg 272.530 Menschen arbeitslos. Das ist gegenüber 2006 (348.727) ein Rückgang um 21,9 Prozent. Unsere Experten prognostizieren auch für 2008 einen weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit und eine Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Baden-Württemberg kann das Bundesland mit der niedrigsten Arbeitslosenquote bleiben. Vorausgesetzt, alle am Arbeitsmarkt verantwortlichen Akteure arbeiten mit vereinten Kräften zusammen. Trotz dieser guten wirtschaftlichen Entwicklung bleibt es eine große Herausforderung, Menschen mit psychischen Handicaps in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Vielfach ist das Image psychisch Kranker in der Gesellschaft so schlecht und gleichzeitig auch so falsch, dass Firmenchefs es nicht wagen, diese Menschen einzustellen. Doch dieses Bild wird sich nur dann ändern, wenn wir alle – Sozialunternehmen, Träger, Arbeitsagenturen, Unternehmen, Politiker und Gesellschaft – an einem Strang ziehen und uns für diese Menschen einsetzen. Dass es sich lohnt, erfahren wir heute hier in Schwäbisch Hall. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Eva Strobel

Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion BW der  Bundesagentur für Arbeit

 


  

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