Den Kreislauf durchbrechen

„Mangelernährung ist weit verbreitet und hat gravierende Folgen“
Der Mediziner Dr. Ernst Bühler zu den Folgen mangelnder Ernährung bei alten Menschen
Wer zu wenig Eiweiß, Mineralien, Spurenelemente und Vitamine zu sich nimmt und dabei noch deutlich an Gewicht verliert, der ist in der Regel schnell mangelernährt, erklärt Dr. Ernst Bühler von den Städtischen Kliniken Esslingen – und bezieht sich dabei auf eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin aus dem Jahr 2003. Eine Realität bei alten Menschen, so der Arzt für Innere Medizin und Klinische Geriatrie. Zu Hause treffe das weniger als 10 Prozent, „das sind zumeist Alleinstehende, die vielleicht depressiv sind“. In Krankenhäuser und Pflegeheimen steige der Anteil aber auf bis zu 80 Prozent. „Mangelernährung ist weit verbreitet und hat gravierende Folgen“, so Dr. Bühler
Als Hauptursachen nennt der Mediziner akute Krankheiten aber auch finanzielle Probleme. „Es gibt viele Alleinstehende, die keine große Rente haben“. Die schlechte Verwertung der Nahrung durch den Körper, restriktive Diäten, oft auch durch Fehlverhalten von Ärzten verursacht, schlechte Zähne und Isolation sind weitere Faktoren. Des weiteren führen beispielsweise Schmerzmedikamente oft dazu, dass der Appetit fehlt. Einen besonders hohen Kalorienverbrauch haben Demenzkranke aufgrund ihrer ausgeprägten Unruhe. Nur selten nehmen sie aber die bis zu 5000 Kilokalorien zu sich, die sie pro Tag verbrauchen.
Die Folgen von mangelnder Ernährung sind nach Dr. Bühler Müdigkeit, Kopfschmerzen und allgemeine körperliche Schwäche. „Deshalb neigen die Menschen dann zu Stürzen“. Problematisch für den Mediziner: die Folgeerscheinungen der Mangelernährung werden oft als normale Alterserscheinungen abgetan. „Das haben auch viele Hausärzte noch nicht kapiert“. Durch die körperlichen Symptome beteiligen sich die Betroffenen weniger am Leben in der Gemeinschaft. Folge: „die Lebensqualität geht zurück, man wird depressiv, hängt durch“. Und, ein Körper, der zu wenig Energie aufnimmt, zehrt von der eigenen Substanz. „Die Leute kommen dann nicht mehr in die Gänge“; so Dr. Bühler. Im Krankenhaus erhöht sich somit die Verweildauer, die Kosten steigen – und die Menschen sterben auch früher, wenn sie sich nicht ausreichend ernähren. Ein Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt.
Als Problem beschreibt der Mediziner, dass im Alltag auf den Stationen oft nicht registriert wird, ob die alten Menschen überhaupt ausreichend gegessen haben. „Da kommt dann die Schwester nach einer Weile und räumt einfach alles ab“: Helfen kann da beispielsweise ein detailliertes Ernährungsprotokoll und die exakte Berechnung des Energie- und Nährstoffbedarfs. Letzterer bleibt nämlich auch im Alter gleich hoch, während der Energiebedarf sinkt. Wichtig ist nach den Worten von Dr. Bühler, immer auch einen „Mobilitätsfaktor“ und eine „Stress- oder Krankheitsfaktor“ in die Berechung des Kalorienbedarfs einzurechnen. Beispielsweise bei dem Demenzkranken, der viele Kilometer pro Tag zurücklegt oder dem Patienten mit offenen Druckstellen, der durch die Entzündung einen wesentlich höheren Energiebedarf hat. Durchaus positiv sieht der Mediziner ein leichtes Übergewicht bei älteren Menschen: „wenn sie Probleme haben, dann können sie davon zehren“.
Was kann nun die Pflege tun, um Mangelernährung möglichst zu verhindern? „Sie kann dafür sorgen, dass beim Essen eine angenehme Atmosphäre herrscht“, so Dr. Bühler. Wichtig sei, den Menschen während des Essen auch entsprechende Zuwendung zu geben, sie möglichst wenig allein zu lassen und das Essverhalten zu beobachten. Ausgewogene Kost, die Beachtung individueller Präferenzen sowie häufige Mahlzeiten sind weitere wichtige Faktoren.








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