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Wo alte Menschen noch gebraucht werden

 
Zu Besuch bei einer Hausgemeinschaft im Tübinger Haus am Österberg – verborgene Fähigkeiten wecken

Wer den obersten Stock des Tübinger „Haus am Österberg“ besucht, vergisst schnell, dass er mitten in einem Alten- und Pflegeheim ist. Nur wenig erinnert dort den Reporter an das, was er von manch anderen Einrichtungen dieser Art kennt. Statt Stationsatmosphäre und langen Fluren gibt es hier gemütlich eingerichtete Gemeinschaftsräume, in denen Seniorinnen und Senioren gemeinsam am halbrunden Tisch sitzen, zusammen frühstücken, die Zeitung studieren oder helfen, das Mittagessen vorzubereiten. Ortstermin bei der „Hausgemeinschaft“ für demenziell erkrankte Menschen.

Es ist fast wie zuhause. Der Brotkorb steht auf dem Tisch, die Kaffeekanne macht die Runde und alle sitzen um halb neun noch ein wenig verschlafen auf ihren Stammplätzen. Im Hintergrund säuselt das Radio vor sich hin, eine alte Dame sagt immer wieder leise „Hallo“, Cecilia Baudino schaut nach, ob auch niemandem etwas fehlt. „Wenn wir morgens mit der Pflege fertig sind, haben wir hier Zeit, mit den alten Menschen zu reden“, sagt die Alltagsmanagerin, wie die frühere Pflegehelferin jetzt heißt. Zeit auch fürs gemeinsame Zeitung Lesen. „Da frage ich die Leute immer, ob sie sich an Ereignisse noch erinnern können.“

Viel Ruhe und Zufriedenheit gewonnen

Wohnbereichsleiter Bhagat Grosch hat sich neben Herrn und Frau Neuendorf gesetzt. Die beiden sind ein Paar und leben zusammen in einem Zimmer. „Wir haben hier sehr viel Ruhe und Zufriedenheit gewonnen“, sagt er und grinst seinen Nebensitzer an. „Die Leute hier haben etwas zu tun und werden gebraucht“. Das hat auch bei Hans Neuendorf gewirkt. Der sei früher lieber in seinem Zimmer geblieben. Seit es die Hausgemeinschaft gibt, wagt er sich immer mehr in die Gruppe und ist einfach mit dabei. „Ein super Erfolg“, freut sich Grosch, der es wichtig findet, dass er und sein Team möglichst viel über die früheren Gewohnheiten der alten Menschen wissen und so ihr Verhalten besser verstehen können. „Biografiearbeit“ nennt man das im Fachjargon. Als er das Gespräch auf Mecklenburg, die Heimat von Hans Neuendorf, lenkt, leuchten die Augen des alten Mannes auf.

11 Personen leben in der Gruppe mit dem schönen Namen „Mond“, in der “Sonne“ nebenan sind es 12. Zwei davon können nur stundenweise ihr Bett verlassen. Im Gemeinschaftsraum stehen alte Möbel und ein Klavier. Leicht angestaubte Bilder und ein alter Ofen erinnern an frühere Zeiten. Aus der Küchenecke hat Alltagsmanagerin Helga Zürn eine Packung Kartoffeln, Schneidebrettchen und Messer mitgebracht. Es ist schon zehn – und kurz vor zwölf müssen die Salzkartoffeln auf dem Tisch stehen. Einmal pro Woche treffen sich die Alltagsmanagerinnen und gehen den Speiseplan durch, welchen Teil des Mittagessens die alten Menschen selbst übernehmen können, um dann entsprechend Zutaten einzukaufen, bzw. in der Großküche zu bestellen. „Den Nachtisch machen wir auf jeden Fall immer selbst“, sagt Frau Zürn stolz.

"Erstaunlich, was die alten Menschen noch alles können"

„Wie viele Messer haben wir?“ fragt Zürn in die Runde. „Schauen Sie mal nach, Frau Häckel“. Kaum hat die alte Dame das Schneidewerkzeug in der Hand, kommen ihr die ersten Zweifel. „Ich seh doch nicht so gut“, sagt sie und wird von der Alltagsmanagerin sogleich beruhigt: „Das ist doch nicht schlimm, dann schälen sie halt ein bisschen dicker“. Kaum sitzt Helga Zürn dann neben ihr und zeigt, wie es geht, wird Frau Häckel schon ungeduldig: „Darf ich mal alleine?“ fragt sie und schnappt sich das Messer. Auch Frau Otto ist schnell verzagt, hat Angst, mit dem Schälen, fühlt sich gar „nicht schlau genug“. Auch hier lässt sich die Küchenchefin nicht beirren. „Doch, Sie schaffen das alleine“, ermuntert sie. „Machen Sie weiter, wir brauchen Ihre Hilfe, Frau Otto“. Frau Rempfer erzählt mit ihren mehr als 90 Lenzen und den schlechten Augen lieber Geschichten, als selbst zum Schälmesser zu greifen. Mit ihren Anekdoten aus früheren Zeiten unterhält sie die ganze Gruppe, schließlich behauptet sie, „die Gescheiteste vom ganzen Flecken“ gewesen zu sein. Und, sie macht allen klar, dass sie bereits „als Kind Kartoffeln zuhauf“ geschält habe.

So geht es eine ganze Zeit lang. Die Schüssel mit den ungeschälten Kartoffeln leert sich zusehends. Bei Frau Junger entstehen nebenher gleich kleine Schnitzchen, zwar in gemächlichem Tempo, dafür aber akkurat geschnitten. Ihre Nachbarin dagegen greift nur selten zu einer Kartoffel. Wenn sie es aber tut und zu schneiden anfängt, dann beginnen ihre Augen zu leuchten, verrichtet sie die Arbeit mit einer Würde, die eine Vorstellung davon gibt, wie sie früher vielleicht einmal eine große Familie spielend versorgt hat. Als schließlich alle Kartoffeln geschält sind, ist auch Frau Otto wieder versöhnt. „Mein Gott, ist das wunderbar“, bricht es aus ihr heraus.

„Ich staune, was die alten Menschen noch alles können“, diktiert Helga Zürn dem Reporter in seinen Stenoblock. „Abspülen, das können die viel besser und vor allem gründlicher als wir“. Und, wenn gebacken werde, dann bleibe kein Krümelchen Teig übrig, so wie früher eben. Die alten Menschen helfen aber nicht nur in der Küche mit. Mittwochs beispielsweise heißt es, Wäsche einräumen oder Blumen gießen. Und, nachmittags ist in der Regel viel Zeit für Spiele und Hobbies. Der Morgen geht zu Ende. Von der Großküche ist das Essen gekommen, die Salzkartoffeln sind gekocht. Wieder sind es jetzt die alten Menschen, die aktiv werden und behutsam Teller und dampfende Schüsseln auftragen. Fast so, wie früher zuhause – nur ein wenig langsamer, „denn sie sind ja keine 20 mehr!“ 


 
Der Alltag ist wieder Mittelpunkt
Was die Samariterstiftung mit Hausgemeinschaften in der Altenpflege erreichen möchte

Von Eberhard Goll

Seit einigen Jahren wird in der Altenhilfe der Begriff der Hausgemeinschaften diskutiert. Als Unternehmen, das Neuerungen gegenüber schon immer sehr aufgeschlossen ist, hatte die Samariterstiftung nach gründlichen Vorbereitungen im Herbst 2003 das „Projekt Hausgemeinschaften“ im Tübinger Haus am Österberg ins Leben gerufen. Mittlerweile sind dort diese Betreuungsformen für 23 Menschen zum Regelangebot geworden. Zukünftig könnte dieses Konzept manch weitere Einrichtung verändern.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Schwerpunkt der Arbeit in Pflegeheimen mehr und mehr auf die pflegerische Versorgung verlagert. Dies hängt damit zusammen, dass die Bewohner mit höherer Pflegebedürftigkeit meist aus dem Krankenhaus direkt in die Einrichtung kommen. Im Zusammenhang mit der Einführung der Pflegeversicherung erhöhten sich insbesondere die Anforderungen in medizinisch-pflegerischer und auch hygienischer Hinsicht.

Das Hausgemeinschafts-Konzept soll diesen Tendenzen entgegen wirken. Es gilt, sich wieder mehr am Leben zuhause zu orientieren und weniger am Krankenhaus. Eine fachlich hochqualifizierte pflegerische Versorgung muss aber weiterhin gewährleistet sein. Sie bestimmt bei diesem neuen Konzept jedoch nicht mehr so sehr den Tagesablauf. Kleinere Gruppen mit 10 bis 12 Bewohnern leben in einer Art Großfamilie zusammen.

Es ist freilich völlig unrealistisch zu glauben, dies könnte die bestehenden Pflegeheime ersetzen. Hausgemeinschaften bilden einerseits eine Ergänzung der bisherigen Angebote, andererseits sind sie eine wichtige Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Insofern baut die Samariterstiftung neue Pflegeheime in der Hausgemeinschafts-Struktur und hat damit begonnen, in bestehenden Häusern Teilbereiche nach diesem Konzept umzustellen. Häufig werden in Hausgemeinschaften demenziell erkrankte und überwiegend noch mobile Bewohner betreut. Dafür eignen sie sich besonders gut.

Es bedarf ausgeklügelter Personaleinsatzplanungen, in denen die qualitativen und quantitativen Besetzungen und die Zeiten optimiert sind, um diese neuen Konzeptionen wirtschaftlich betreiben zu können. Auch die Speisenversorgungssysteme müssen darauf abgestimmt werden. Im Bau und bei der Ausstattung entstehen dabei etwas höhere Kosten. Diese neue Konzeption verstehen wir als Umsetzung unseres Leitbild-Grundsatzes: „Wir wollen die Selbstbestimmung, die Entscheidungsfreiheit und die Lebenszufriedenheit jedes Menschen fördern und erhalten.“ Sie eignet sich gleichzeitig bestens zur verstärkten Beteiligung von Angehörigen und Ehrenamtlichen.

Eberhard Goll ist Vorstand der Samariterstiftung
 
 
 
 
„Immer wieder geschehen kleine Wunder“
Für Angela Krohmer sind die Hausgemeinschaften das Konzept der Zukunft

Schon seit vielen Jahren gibt es im Tübinger „Haus am Österberg“ eine sogenannte „gerontopsychiatrische beschützende Wohngruppe“. Mit den Hausgemeinschaften ist man dort jetzt noch einen Schritt weiter gegangen. Über die Erfahrungen mit dem neuen Konzept sprachen wir mit Einrichtungsleiterin Angela Krohmer.

Frau Krohmer, was ist das Geheimnis der Hausgemeinschaften?
Wir wollten die Möglichkeit schaffen, dass unser Pflegepersonal wieder mehr Zeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern verbringen kann – ohne ständig im Druck zu sein. Wir wollten eine familiäre Atmosphäre schaffen, die auch im Pflegeheim Normalität zulässt. Das Geheimnis steckt in der kleinen Einheit und in der Orientierung an einem ganz alltäglichen Tagesablauf, an dem sich alle beteiligen können.

Wie sieht Ihre Bilanz nach einem Jahr Modellprojekt aus?
Wir haben einen deutlichen Anstieg der Bewohnerzufriedenheit festgestellt. Immer wieder geschehen kleine Wunder: Ein alter Mann, der sich zuvor auf sein Zimmer zurückgezogen hat, fing plötzlich an, sich am Leben zu beteiligen und hält sich jetzt überwiegend in der Gruppe auf. Eine alte Frau, die bis vor kurzem nicht mehr selbständig essen konnte, nimmt wieder selbständig den Löffel in die Hand.

Haben Sie erreicht, was Sie wollten?Im Grunde genommen ja. Auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden und der Angehörigen ist gestiegen. Sie merken, dass es den alten Menschen jetzt besser geht, und dass auch sie sich ganz anders einbringen können. Vor allem von den Alltagsmanagerinnen werden jetzt aber mehr Kompetenzen abverlangt. Die alten Menschen jeden Tag dort abholen, wo sie gerade stehen und ihnen passende Angebote machen, ist sehr anspruchsvoll.

Wie ist die Resonanz auf die neue Betreuungsform?
Von Seiten Sozialer Einrichtungen haben wir Anfragen bis weit ins Badische. Zweimal schon wurde das Projekt in der Landesschau vorgestellt, einmal sogar in der Tagesschau. Auch der frühere Sozialminister Repnik war schon da. Schließlich haben wir als erste Einrichtung bundesweit das IQD-Qualitätssiegel für die besondere Betreuung von Menschen mit Demenz bekommen. Wir wollten zeigen, dass wir auch von uns aus aktiv werden können und nach neuen Betreuungskonzepten suchen und nicht nur darauf warten, Lösungen per Gesetz vorgesetzt zu bekommen.

Wie lautet Ihre Vision der Altenpflege der Zukunft?
Für mich persönlich ist jetzt der Trend gesetzt. Ich selbst würde gerne nach Möglichkeit nur noch Einrichtungen mit Hausgemeinschaften planen, denn dieses Konzept tut allen Zielgruppen gut, nicht nur den demenziell Erkrankten. Für mich ist es somit das Betreuungskonzept der Zukunft. 
 
   

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