„Wir brauchen ein neues Denken“
dm-Chef Götz Werner plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen / Führungskräfte aus Wirtschaft und Sozialbereich im Dialog

Dr. Götz W. Werner, Chef der Drogeriekette dm, setzt sich für ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ ein. Dazu brauche es ein „neues Denken“ bei den Bürgerinnen und Bürgern und die Bereitschaft aller, „Zukunft zu unternehmen“. Beim zweiten von Samariterstiftung und BruderhausDiakonie veranstalteten „WortWechsel“ im Stadtbüro der Nürtinger Zeitung löste der Unternehmer mit seinen Thesen angeregte Diskussionen aus. Unter dem Motto „Rettet ein Grundeinkommen unseren Sozialstaat? brachte er Führungskräfte aus Wirtschaft und Sozialbereich in einen konstruktiven Dialog.
„Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr, so wie bisher kommen wir nicht weiter“, machte Götz Werner seinem interessierten und engagierten Publikum deutlich. Nur immer Wachstum, das gehe einfach nicht – und auch die Vollbeschäftigung sei eine Illusion. Deshalb halte er das bedingungslose Grundeinkommen für eine „Idee, deren Zeit gekommen ist“ und die im Grunde genommen bereits im biblischen Weingärtner-Gleichnis angelegt sei.
Immer noch, so der Vater von sieben Kindern, meinten viele Menschen, dass sie sich mit ihrer Arbeit selbst versorgen würden und könnten. Dabei sei durch die heutige Arbeitsteilung jeder auf den anderen angewiesen, jede Arbeit gleich wichtig, damit die Gesellschaft überhaupt funktionieren könne: „Wir arbeiten immer für andere, und je mehr wir tun, desto besser geht es uns“. Deshalb müsse man heute den Wert seiner Arbeit bei seinen Mitmenschen suchen. Parallel zu dieser Entwicklung sieht der dm-Chef ein „unglaubliches Potential von neuer Arbeit“ und meint damit beispielsweise Erziehung, Bildung und die Pflege und Betreuung alter Menschen. Die „alte Arbeit“, die darauf gerichtet sei, Konsumgüter zu produzieren, sei dagegen ausgeschöpft, man produziere mehr als die Menschen überhaupt benötigen. Dem gegenüber herrsche Knappheit bei der „neuen Arbeit“, könnten viele Hilfsbedürftige nicht angemessen betreut werden, fielen Unterrichtsstunden aus.
Kritik an der Ökonomisierung sozialer Arbeit
Hart ins Gericht ging Werner mit der zunehmenden Ökonomisierung sozialer Arbeit. Mehr und mehr werde versucht, die Methoden der Produktion beispielsweise auf die Altenbetreuung zu übertragen. Hier Zeitabläufe festzulegen und darüber Buch zu führen, sei genau das Gegenteil von dem, was die neue Arbeit wolle, nämlich menschliche Zuwendung – und nicht noch mehr Produktion und Sparsamkeit. „Da muss Großzügigkeit, Freizügigkeit, ja eigentlich gar Verschwendung herrschen“, so der Manager. Aber, eine Gesellschaft müsse dies auch als Teil ihrer Kultur wollen und sie müsse definieren, wie sie beispielsweise mit ihren alten Menschen umgehen wolle. „Sinnmaximierung“ ist demnach in der sozialen Arbeit das zu erreichende Ziel.
„Wir arbeiten nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wollen“
Das bedingungslose Grundeinkommen setzt nach den Worten von Götz Werner einen Paradigmenwechsel voraus. Die Bürger müssten sich klar machen, dass Leistung zu generieren und Einkommen zu erhalten zwei unterschiedliche Dinge seien. Gelinge es, jedem Bürger ein Einkommen zu garantieren, dann könnte jeder das tun, was seinen Fähigkeiten entspreche und etwas, „worin ich einen Sinn sehe“. Dass das in Ansätzen bereits funktioniert, macht Werner am Ehrenamt fest. Es würden sich deshalb so viele Menschen engagieren, weil sie zum einen Sinn darin sähen und weil sie es sich leisten könnten, da sie auf andere Einkommensquellen zurückgreifen könnten. „Wir arbeiten dann nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wollen“, formuliert der Unternehmer seine Zukunftsvision. Dahinter steckt bei ihm auch ein entsprechendes Menschenbild, das anderen Dinge zutraut und in ihr Tun Vertrauen hat.
Das „neue Denken“ braucht Zeit
Götz Werner gab in der angeregten Diskussion, die sich an sein engagiert vorgetragenes Plädoyer anschloss, zu bedenken, dass dieses „neue Denken“ eine schwierige Angelegenheit sei und das „Umdenken Zeit braucht“. Seiner Meinung nach werde das Thema Grundeinkommen eines Tages „in aller Munde sein“ oder es verschwände wieder von der Tagesordnung. Es gleich umzusetzen, wie einige Diskutanten forderten, halte er nicht für realistisch. Auf die Bedenken, dass viele Bürger das Grundeinkommen missbrauchen könnten und sich nicht in die Gemeinschaft einbringen, entgegnete der dm-Chef: „Es wird immer Menschen geben, die nichts arbeiten – aber das ist dann eigentlich eine soziale Behinderung“. Er selbst ist davon überzeugt, das Menschen Arbeit brauchen und sich entwickeln möchten. „Wir brauchen die Gemeinschaft, um über uns hinauszuwachsen“.
„Obwohl wir alle wissen, dass sich Grundlegendes ändern muss, lässt der große Entwurf bislang noch auf sich warten“, unterstrich auch der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung, Dr. Hartmut Fritz. Immer mehr verstrickten sich Politiker und andere sozialpolitische Verantwortungsträger in Teil- und Einzelreformen. Im Grundeinkommen sehe er einen provokanten Ansatz, der es wert sei, im Dialog zu diskutieren. „Ich freue mich, dass wir dazu einen solch profilierten Unternehmer gewinnen konnten“, so Fritz. Der WortWechsel ist eine Abendreihe des Dialogs zu gesellschaftspolitischen Themen. Er findet im Rahmen der „Kirchberger Impulse“, einem Dialogforum für Führungskräfte aus Profit- und Nonprofit-Unternehmen, statt.








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