Was bedeutet mir der andere Mensch?
In Würde bis zum Lebensende
Festvortrag zum 25jährigen Jubiläum des Samariterstiftes Aalen
Von Roswitha Kottnik, Diakonisches Werk der EKD, Stuttgart
"Bevor ich vor 12 Jahren im Diakonischen Werk der EKD den Auftrag erhielt das Arbeitsfeld Hospiz aufzubauen, habe ich einige Jahre lang in einer Senioreneinrichtung in Stuttgart als Pfarrerin gearbeitet. Ich wollte da eigentlich gar nicht hin, denn ich hatte Angst ständig an Krankheit, Schwäche, Vergänglichkeit und Tod erinnert zuwerden. Mit einigem Zaudern und dem sanften, aber bestimmten Druck des damaligen Landesbischofs habe ich es dann doch gewagt. Und im Rückblick muss ich sagen: Alles, was ich gelernt habe über die Kunst des Lebens und des Sterbens, das habe ich dort gelernt. Ich habe es von meiner Gemeinde mit einem Durchschnittsalter von 82 Jahren gelernt. Ich durfte lernen, weil ich von hochbetagten Frauen und Männern an die Hand genommen wurde. Sie haben mich mitgenommen auf der letzten Strecke ihres Lebens. Sie haben mir das Geschenk gemacht, sie begleiten zu dürften. Sie allein haben mir geholfen, meine Ängste zu verlieren: meine Angst vor dem Altwerden, die Angst vor dem Hinfälligwerden, vor dem Sterben und vor dem Tod. Es waren nicht die Bücher, die ich gelesen hatte. Es war nicht das Studium der Theologie, das übrigens am allerwenigsten. Es war das Geschenk der Teilhabe an ihren Lebenserinnerungen.. Wie sie diese schwere Aufgabe des Sterbens angenommen haben. Eine Aufgabe, die jeder von uns bewältigen muß und die wir alle nicht vorher kurz mal üben können. Gerade deshalb waren und sind mir diese Vorbilder wichtig. Dabei sein dürfen beim Leben und Sterben in Zeiten des Gesprächs aber auch wortlosen Zusammenseins, wenn Sprache nicht mehr möglich war. Und dafür bin ich allen, denen ich dort begegnet bin dankbar. Es ist rückblickend die schönste Zeit meiner Berufsbiographie, die reichste und mit Langzeitwirkung in die Gegenwart hinein. Und deshalb komme ich hierher besonders gerne.
Alles was ich über Würde des Menschen weiss, habe ich dort gelernt, und damit sind wir gleich beim Thema, "In Würde bis zum Lebensende". das ist ein nachdenkenswerter Titel und für einen solchen Festtag, wie heute, vielleicht etwas ungewöhnlich. Aber Sie haben Mut bewiesen an einem solchen Tag zu feiern, und trotzdem nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Würde hat sehr viel mit Bodenhaftung zu tun. Denn es geht um das Miteinander im Alltag. Wie gehen wir miteinander um? Was bedeutet mir der andere Mensch?
Der Philosoph Martin Heidegger hat das aufgeklärte, wissenschaftsorientierte Zeitalter einmal so kommentiert:" Keine Zeit hat so viel und so mannigfaltiges vom Menschen gewusst wie die heutige, und keine Zeit wusste weniger, was der Mensch sei, als die unsrige."
Was der Mensch denn sei, diese Frage begleitet, oft unausgesprochen, aber im Hinter- oder Untergrund die Prozesse der Lebens- und Sterbebegleitung. In dieser Extremsituation an der Grenze zwischen Leben und Tod stellen sich genau diese Fragen: Was ist der Mensch? Wenn so vieles nicht mehr hilft, oder so vieles, was einmal wichtig war, nicht mehr greift: Gesundheit, Kraft, Schönheit, Selbstvertrauen. Dann kommen diese existentiellen Fragen. Wo komme ich her, wo gehe ich hin, wer bin ich? Diesen Fragen kann, wenn das Leben sich neigt, nicht mehr ausgewichen werden. Nicht von denen, die diesen Weg gehe, aber auch nicht von denen, die an der Seite dieser Menschen sind, als Angehörige, als professionell Pflegende oder Begleitende oder Ehrenamtliche
Deshalb will ich versuchen an hand der Erfahrungen aus unserem Hospizbereich mich der Frage nach der Würde des Menschen zu nähern. In vier kurzen Denkanstößen soll das geschehen.
1. Menschenwürde kann nicht gemacht werden, sie ist da
Würde ist etwas, was der Mensch nicht machen kann, was nach christlichem Verständnis ihm von Gott gegeben ist. In ihrer gemeinsamen Erklärung des Rates der Ev. Kirche Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz „Gott ist ein Freund des Lebens“(1989) haben beide Kirchen laut und deutlich sich dazu geäußert: "Auch das durch Krankheit, Behinderung oder Tod gezeichnete Leben hat als menschliches Leben eine unverlierbare Würde. Selbst schwerwiegende Beeinträchtigungen des Lebensvollzuges, vollständige Hilflosigkeit, ein hoher Aufwand an Pflege und Betreuung können es unter keinen Umständen rechtfertigen, den betroffenen Menschen die Würde abzusprechen oder ihre Würde als eingeschränkt anzusehen ... Die Überzeugung, dass letztlich nicht eigene Qualitäten, sondern Gottes Annahme und Berufung dem Menschen Gottebenbildlichkeit und damit seine Würde verleihen muss sich gerade gegenüber dem kranken, behinderten und sterbenden Menschen bewähren. Alles andere ist Götzendienst gegenüber dem Vitalen, Starken und Leistungsfähigen.“ Dem Menschen sein eigenes Sterben und damit sein Leben bis zuletzt zu lassen, das ist Ausdruck tiefster Menschenwürde.
Natürlich sagen wir, wir wissen, dass allen Menschen von Gott Würde gegeben ist. Im ersten Kapitel der Bibel ist bereits gesagt, dass Gott den Menschen seinem Ebenbild gleich geschaffen hat. Und als er am Ende seines Schöpfungswerkes alles anschaut, befindet er, das alles gut sei! Vom Ursprung her ist der Mensch gut, mit der Würde eines am Bilde Gottes orientierten Geschöpfes ausgestattet. Aber in den ersten Kapiteln der Bibel steht auch etwas davon, dass der Mensch seinen Platz im Paradies verloren hat. Damit hat er zwar nicht das verloren, was Gott ihm gegeben hat. Aber die Bibel zeigt sofort auf, wie schwer der Mensch von Anfang an sich damit getan hat, dem anderen diese Würde zu belassen, sie nicht anzutasten. Bekanntlich steht ja kurz hinter dem Paradiesverlust ein Mord. Der Mord von Kain an seinem Bruder Abel. Und einen brutaleren Angriff auf die Würde des Menschen als das Auslöschen menschlichen Lebens gibt es nicht. Mit dem verlorengegangenen Paradies ist auch die Menschenwürde oft genug verloren gegangen. Es bleibt wahr, dass die von Gott verliehene Würde jedem Menschen zugehört, aber genauso wahr ist es, dass Würde sichtbar wird im Handeln der Menschen aneinander. Dem Menschen ist die Würde verliehen, aber sie muss im menschlichen Miteinander gelebt werden, andernfalls nimmt sie, zumindest in diesem Leben, Schaden. Würdig handeln, dem anderen seine Würde lassen bis zuletzt, ist ein ständiges Übungsfeld. Wie Menschenwürde auch in Lebenssituationen zu bewahren ist, in der ein Mensch unter Umständen auf einen Teil seiner Unverletzlichkeit und Mündigkeit verzichten muss, daran muss immer wieder gearbeitet und darüber muss nachgedacht werden. Das ist oft genug die Situation des Alltags in unseren Einrichtungen. Erst wenn wir davon ausgehen, dass Würde grundsätzlich in Beziehung zu anderen Personen erlangt aber auch bedroht wird, können diese Beziehungen so gestaltet werden, dass sie ein Höchstmaß an Schutz für den Einzelnen erhalten.
Jeder Mensch trägt ein Selbstbild von sich. Selbständiges authentisches Handeln ist Teil unseres Selbstbildes und damit Teil der persönlichen Identität der meisten Menschen: sich als fähigen, selbständigen Menschen zu erleben ist ein wichtiger Baustein der eigenen Identität. Durch Krankheit, durch Hinfälligkeit und durch den bevorstehenden Tod muss von diesem Selbstbild der Tat Abschied genommen werden und ein Selbstbild der Unselbständigkeit und Abhängigkeit akzeptiert werden. Dies ist ein schmerzhafter Prozess, der nicht sanft und planbar abläuft. Dieser Prozess, oft gar nicht bewusst, verläuft oft genug voller Erschrecken, auch Aggression gegen sich oder andere, voller Trauer und manchmal von Depression begleitet und bedrückt. Dieses Abschiednehmen, diese Akzeptanz der Abhängigkeit kann nur gelingen, wenn in Interaktionen mit anderen Menschen dieses neue Bild wohlwollend bestätigt wird. Die Aufrecherhaltung einer persönlichern und sozialen Identität als Voraussetzung für Menschenwürde ist eng verbunden mit der Akzeptanz und Wertschätzung durch andere. Wo Akzeptanz und Wertschätzung fehlen, wird Würde beschädigt.
Der amerikanische Arzt Sherwin Nuland stellt in seinem Buch, "Wie wir sterben" desillusionierend fest:" Das Bemühen um Würde scheitert, wenn der Körper uns im Stich lässt. In seltenen, sogar höchst seltenen Fällen mögen einmalige Umstände dafür sorgen, dass ein Mensch mit ausgeprägter Persönlichkeit sein Leben in Würde beschließt. Dass so viele günstige Faktoren zusammenkommen, ist jedoch höchst ungewöhnlich und darf nur bei sehr wenigen Menschen erwartet werden." (Nuland, Sherwin B., Wie wir sterben. Ein Ende in Würde? Kindler, München 1994, S.18). Das ist sehr ernüchternd. Es bleibt also immer eine schwierige Aufgabe , eine Herausforderung, im Alltagshandeln den anderen nicht zu verletzen, ihm Hilfestellung zugeben, wenn Identität zerbricht und Selbstbestimmung an ihre Grenzen kommt. Es ist hilfreich, wenn Häuser wie das Samariterstift dran sind, solche günstigen Faktoren schafft, damit Menschen mit der von Nuland genannten ausgeprägten Persönlichkeit ihr Leben in Würde beschließen können. Wenn in allem Begegnen hinter der Zerbrechlichkeit das Unzerbrechliche zu ahnen ist.
2. Angst und Hoffnung Sprache geben
Damit ist gleich darauf hingewiesen, wie einander in Würde und Achtung begegnet werden kann. Es heißt: das Gespräch darf nicht aufhören. Wir können dies besser bezeichnen mit dem Wort Kommunikation oder Interaktion, weil es mehr umfasst als das Gespräch. Es geht um das Gesprochene, aber es geht genauso um das, was wortlos geschieht, durch Gesten, durch das, was atmosphärisch mitschwingt. Den Kommunikationsfaden nicht abreißen lassen. Wo dieser unterbrochen wird, ist auch der Selbstwert, die Würde in Gefahr. Es ist in meiner Erinnerung an meine Kinderzeit eine der schlimmsten Strafen gewesen, wenn ich wegen irgend etwas damit bestraft worden bin, dass ich einfach ignoriert wurde, keiner mit mir gesprochen hat, ich nicht wahrgenommen wurde, einfach "Luft" war. Da kam ich mir ganz wertlos vor, ganz klein und hässlich.
Die Interaktion nicht abreißen lassen! An der Grenze zum Tod ist es ganz natürlich, dass Menschen sprachlos werden. Da tritt etwas in unsere Welt hinein, was sprachlos macht, was wir nicht in Worte fassen können, was Angst macht, eigene tiefe Ängste provoziert. Dies aufzufangen ist eine der schwierigsten Aufgaben der Begleitung. Wo dies aber gelingt, macht es glücklich und wird meist von dem der sich darauf eingelassen hat als großes Geschenk erfahren.
Aber oft tun wir uns schwer genug bereits da, da wo uns Sprache noch zur Verfügung steht, diese zu gebrauchen. Da ist es gut, eine Hilfe zu haben, damit es gelingen kann, Sprache zu finden. Wir haben diesen Schatz in den schönen Versen des Alten und des Neuen Testamentes. Wir haben die alten Psalmen, die dann, wenn wir sprachlos werden, uns Sprache geben können. Wenn im Psalm 139 steht: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Wo ich auch hinflöge, nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer, so bist auch Du (Gott) da.“ Das sind Worte, die tragen, die helfen. Oder denken wir an die Worte der Offenbarung aus dem Neuen Testament: „Es wird eine Zeit sein, wo Gott abwischen wird alle Tränen. Und es wird kein Leid und kein Geschrei mehr sein.“ Dort zu sein, diese Trostworte zu haben, das ist ein großer Schatz. Ihn gilt es, wieder neu zu entdecken, und so aus dieser Sprachlosigkeit hinauszufinden. Uralte Menschheitserfahrung, tiefe Lebenserfahrung! Gerade dann, wenn die eigene Worte uns so unzulänglich erscheinen, wenn eigene Worte fehlen, ist es entlastend, auf generationenfach erlebten Zuspruch zurückgreifen zu können. Uralte Menschheitserfahrungen in poetische Worte gefasst. Menschen haben zu allen Zeiten ihre Hilflosigkeit, ihre Ängste in solche Worte der Erfahrung mit Gott eingebunden. Davon zu reden, das mitzuteilen und daraus auch Mut zu gewinnen für die Extremsituation der Sterbebegleitung, ist ein Geschenk. Das ist ein Schatz, mit dem wir wuchern können. Ich glaube, das hilft uns auch zu bestehen auf dem heutigen Markt so unterschiedlicher Heils-, Lebens- und Sterberatgeber, wo es kaum verbindliche Regeln gibt und der einzelne Mensch immer unsicherer wird im Umgang mit Grenzsituationen und die Würde oft genug auf der Strecke bleibt.
3. Würde als personale Beziehung zu Gott
Aus der Sterbebegleitung wissen wir, dass viele Menschen im Sterben auf eine biblische Sprach- und Symbolwelt zurückgreifen: "Der Herr ist mein Hirte...", andere bergen sich in der Sprache christlicher Lieder und Gebete: "Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl.." Nur wer selbst in dieser Sprache bewandert und zu hause ist, wird auch in der Lage sein, mit Sterbenden in ihrer Sprache zu reden und ihre Sprachwege mitzugehen. Die biblische und christliche Bilder- und Symbolsprache der "letzten Dinge" hat nun eine Eigenheit, die sie von anderen religiösen Symbolsprachen unterscheidet. Sie ist insgesamt zurückhaltend mit Aussagen über das "Danach" und befriedigt die Neugier nicht. Und die Bilder sind vielfältig und verweigern sich einer schlüssigen Gesamtschau. Nur eines steht fest: Das Jenseits und die "letzten Dinge" sind unsagbar. Dies mag verunsichern, aber es gibt uns auch Freiraum. Einen Freiraum, in dem unendlich viele unterschiedliche religiöse Traditionen ihren Platz finden können. Diese Freiheit ist für die Sterbebegleitung sehr wichtig. Und Freiheit hat ebenfalls mit Würde zu tun. Jeder darf seinen Tod sterben, auch das heißt Würde bis zum Lebensende.
Die Sprache christlichen Glaubens gibt allen Bildern und Symbolen und letztendlich auch der Sprachlosigkeit, mit der wir am Ende des Lebens oft genug konfrontiert sind, eine bestimmte Ausrichtung. Wir werden aufgefangen, fallen nicht ins Bodenlose. Wir sind geliebt, erwünscht, erwartet. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Alles orientiert sich dahin, dass die Würde jedes Menschen in einer personalen Beziehung zu Gott liegt, die Gott für jeden Menschen will. Dies gilt im Leben wie im Sterben und kann auch durch den Tod nicht zerstört werden kann. Diese Gemeinschaft endet nicht im Tod . Auch im Tod bleibt ein Du. Das ist die zentrale und unaufgebbare Botschaft. Solche Bilder führen deshalb auch zu einer Gottesbegegnung, zum Vertrauen. Hier, an dieser Wegscheide vom Leben zum Tod wird, wie kaum sonst sichtbar, wie es um die Würde des Menschen bestellt ist. Wie gehe ich mit Menschen auf der Grenze um. Würde heißt dann: Respekt haben vor der individuellen Einstellung des Sterbenden, einschließlich der persönlichen Frömmigkeit oder Weltdeutung. Ob ein Mensch sein Sterben als Annehmen oder Kämpfen versteht und gestaltet, das ist seine Entscheidung. das hängt an seiner Selbst- und Weltdeutung und an seiner Persönlichkeitsstruktur. Beides ist möglich, verständlich und vielleicht sogar gut. Das gleiche gilt für das Verhältnis von Nähe und Distanz. Achtung vor der Entscheidung des anderen. Hier buchstabiert sich das, was Menschenwürde bis zuletzt heißt. Und das will immer neu bewusst gemacht und geübt sein.
4. Menschenwürde - eine Sache des Geldes?
(weil gesagt wird: Geld regiert die Welt)
In einer Zeit knapper werdender Gelder fragen wir uns natürlich: Was ist unsere Aufgabe als Kirche und als Diakonie? Wo sollen wir uns engagieren, wo Dinge nicht mehr tun oder verstärkt tun? Sollen wir uns auf die sogenannten „Kernbereiche“ konzentrieren? Die Frage nach diakonischer Identität wird zur Zeit heftig diskutiert. Was ist es eigentlich, das unsere Arbeit zur diakonischen Arbeit macht? Ich sage hier etwas, was vielleicht umstritten ist: Es ist das „mehr“, das diakonische „mehr“. Natürlich brauchen wir eine gute Finanzierung für Menschen, die krank sind, die gepflegt werden müssen, für behinderte Menschen. Es ist unbestritten die Aufgabe eines demokratischen, humanen Staates seinen sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Das wird bereits in unserem Grundgesetz formuliert. Unbestritten ist, das wir verlässliche Rahmenbedingungen brauchen, sowohl für die Menschen, denen geholfen wird, aber genauso für die, die Hilfe anbieten. Dass dies geschieht, dafür müssen wir uns selbstbewusst einsetzen, aber darüber dürfen wir unseren "mehr Wert" als Christen nicht aus dem Blick verlieren. Wir haben in einer Zeit ständig neuer und sich rasch verändernder Anforderungen etwas Beständiges:
Weil Christen glauben, dass das Leben über diesen Horizont hinausgeht und mit dem Tod nicht abbricht, können sie sich dem Grenzbereich des Sterbens zuwenden. Aus dem Wissen, dass der Mensch mehr ist, als das, was er im Leben äußerlich erreicht hat, kann ich mich mit dem Tod auseinandersetzen und muss nicht fliehen oder alles Denken und Handeln an der Grenze des Todes verdrängen. Nicht zuletzt bildet sich hier das, was wir das diakonische Profil nennen.
Menschenwürdig leben und sterben, das ist möglich aus dem Wissen heraus, dass jeder am anderen Ende der Brücke erwartet wird. Das ist auch entlastend: Wenn Leben über diesen Horizont hinausgeht, muss ich nicht alles und jedes in dieses Leben hineinpacken. Mein Leben ist nicht gering, weil ich in diesem Leben manches nicht geschafft habe, sondern es wird sich einmal runden. Diese, eher spirituelle Erkenntnis jetzt in den Arbeitsalltag zu bringen, das wird das Kunststück sein. Wenn es stimmt, dass Diakonie stark für andere ist, dann kann das nur heißen, dass die Menschen hier ihre Stärken für die Schwächen anderer einsetzen, für jene, die sich nicht von sich aus Gehör verschaffen können. Und es sind zwei Stärken, die es lohnt einzubringen: Erfahrungskompetenz und Sinnkompetenz. Wo beide Kompetenzen eingebracht werden, Erfahrung und Sinngebung, sind Himmel und Erde verbunden. Die Würde jedes einzelnen bleibt gewahrt und unbeschädigt."







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