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Ein würdiges Haus inmitten des Heimgeländes

Zur Einweihung des Dokumentationszentrums im Samariterstift Grafeneck:
Erinnerung und Mahnung /
Von Dieter Karotsch

Mitarbeiter, die die jüngere deutsche Geschichte, vor allem ihr dunkelstes Kapitel kennen, werden ernst, wenn sie das Wort Grafeneck hören. Die Samariterstiftung Grafeneck, in 850 Metern Höhe auf der Albhochfläche bei Münsingen gelegen, und das Klinikum Weinsberg sind durch ein kurzes, gemeinsames dunkles Kapitel miteinander verbunden. In jährlich stattfindenden Gedenkgottesdiensten wird die Erinnerung an die Opfer der „Euthanasie“ wachgehalten. Das neu errichtete Dokumentationszentrum ist ein ein würdiges, von der Samariterstiftung zur Verfügung gestelltes und grundsaniertes Haus inmitten des Heimgeländes.

Im Jahr 1490 erwarb der bekannte Graf Eberhard im Bart, Symbolfigur in Kerners „Schwäbischer Nationalhymne“ als der „Reichste Fürst“ unter den deutschen Herrschern, der von 1459 bis 1496, also 37 Jahre lang Württemberg regierte und von seinem Volk verehrt wurde, die aus dem Jahr 1261 stammende Burg Grafeneck und nutzte sie zur Erholung und als Ausgangspunkt für die Jagd. 1561 baute der nicht weniger bekannte Herzog Christoph von Württemberg die Burg aus und erweiterte sie im Renaissancestil. 1762 bis 1765 veränderte Herzog Karl-Eugen von Württemberg die Burg zu einem Barockschloss, das weit sichtbar auf einem Bergkegel thront. Nach dem Ende der württembergischen Königsherrlichkeit wechselte das Schloss mehrfach den Besitzer, bis schließlich 1928 die Samariterstiftung Nürtingen, einer der großen Württembergischen Wohlfahrtsverbände, das Schloss kaufte und es mitsamt seinen umliegenden Gütern zu einem Heim für behinderte Menschen ausbaute, das 1930 seinen Betrieb aufnahm. 1939 wurde die gesamte Anlage „zu Zwecken des Reiches“ auf Befehl des Landrats von Münsingen, der sicher auch auf höhere Weisung handelte, enteignet. In aller Heimlichkeit wurde Grafeneck von den Nationalsozialisten als Testeinrichtung und „Modell“ für die dann kurze Zeit später im ganzen damaligen Deutschen Reich und in den eroberten Gebieten industriell eingerichteten Lager zur Ermordung der nach der Nazi-Ideologie „lebensunwerten“ Menschen („Ballastexistenzen“, denen „Daseinsbefreiung“ gewährt werden könne, so die damalige verbrecherische Terminologie) errichtet, wobei die Mordmaschinerie sowohl Kranke als auch unliebsame ethnische oder soziale Gruppen erfasste. Und was besonders bedrückend ist: In Grafeck wurde erstmals das Gas erprobt, erschreckenderweise von Ärzten, das dann später Millionen Menschen den Tod brachte. Hier in Grafeneck wurden auch die Täter „geschult“, die dann später in den Vernichtungslagern in ganz Europa ihr verbrecherisches Handwerk ausübten.

Ermordung von über 10 000 geistig behinderten und psychisch kranken Menschen

Von Januar bis Dezember 1940 wurden in Grafeneck unter dem Decknamen „Aktion T 4“ 10564 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet, Männer, Frauen, Kinder. Die Leichen wurden in einem provisorischen Krematorium verbrannt. Ohne Gründe zu benennen – das schlechte Gewissen kann die Nazis wohl kaum zu diesem Abbruch bewogen haben, denn ein Gewissen kannten sie nicht, wie sie bis zu ihrem Untergang 1945 bewiesen haben, wahrscheinlich war es die Unruhe in der Bevölkerung, in der man eher eine Untergrabung der Kriegsmoral befürchtete – wurde die Aktion im Dezember 1940 eingestellt, zu spät für die in Grafeneck ermordeten Menschen. Wie aus den Listen, die im Landesarchiv und im Dokumentationszentrum einsehbar sind, hervorgeht, kamen die berüchtigten grauen Busse, umgebaute alte Postbusse, die die Kranken nach Grafeneck beförderten, als allen Landesteilen Württembergs und Badens – auch aus der damaligen Anstalt Weinsberg, aus Wiesloch und anderen Orten, in denen Anstalten für geistig Behinderte untergebracht waren.
1946 konnte die Samariterstiftung das Areal von der französischen Besatzungsmacht wieder übernehmen und die einstige Arbeit fortsetzen – sie feierte vor wenigen Wochen das 75jährige Jubiläum. Es ist geradezu ein Wunder, dass behinderte Menschen und deren Familien wieder Vertrauen in diesen Ort einstigen Grauens fassten und sich dieser Einrichtung anvertrauten. Grafeneck ist heute wieder ein Ort des Lebens.

Lange Zeit nach dem Kriege blieb die Erinnerung an dieses schlimmste aller Menschheitsverbrechen vergessen oder, wahrscheinlich richtiger, sie wurde verdrängt. Wer daran ein besonderes Interesse haben konnte, bleibt unklar. Vielleicht hilft diese Erklärung: Nur wenige Täter wurden gerichtlich zur Rechenschaft gezogen, das heißt, die meisten, die in diese Verbrechen direkt oder indirekt verstrickt waren, lebten nach dem Krieg als biedere Bürger jahrzehntelang unter uns, und sie legten natürlich keinen Wert darauf, dass in Grafeneck Erinnerungspflege betrieben wurde.Es war erst die dritte Nachkriegsgeneration, und hierunter wiederum waren es vorwiegend junge Menschen, die sich daran machten, diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte nachzuspüren und durch sichtbare Zeichen den Opfern ihre Würde zurückzugeben.

Samariterstiftung: eine stetige Mahnerin

Die Samariterstiftung hat die Erinnerung an diese abgründigen Verbrechen, mit denen ihr Name ohne ihren Willen und ohne ihr Verschulden für immer verbunden sein wird und für die sie keinerlei Verantwortung trägt, immer wachgehalten. 1962 wurde als erste Gedenkstätte der Heimfriedhof umgestaltet. Dabei wurden 270 Urnen mit Asche und Überresten von Euthanasie-Opfern in zwei Gräbern unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft Tübingen bestattet. Am Eingang zum Gräberfeld steht in Stein gemeißelt: „Die Erde schweigt, aber sie vergisst nicht.“ 1985 begann die Planung zum Bau einer neuen, größeren Gedenkstätte. Die Mordbaracke war inzwischen abgerissen worden – vielleicht ein historischer Fehler, aber die Einrichtung wollte ihren Behinderten diesen Anblick nicht mehr länger zumuten. Diese neue Gedenkstätte, 1990 eingeweiht, inmitten einer herrlichen Alblandschaft, beeindruckt durch einen offenen Rundbau, gestützt auf eine Eisenkonstruktion, in der Mitte ein Granitsockel, im Hintergrund eine gespaltene Steinplatte, die die Zerrissenheit eines Volkes symbolisiert – denn die Euthanasie spaltete die damals vielbeschworene „Volksgemeinschaft“ in zwei Lager. Es gab Befürworter und Gegner der Euthanasie, wahrscheinlich aber nur wenig wirklich Ahnungslose. Der Friedhof mit den symbolischen Gräbern blickt mahnend weit ins Tal hinaus. Auf einem eigenen Feld sind in Stein die 26 Buchstaben des Alphabets eingelassen – Buchstaben, die für die Namen der Opfer stehen, die niemand kennt. Ein Totenbuch, eingesenkt in einen Steinblock, hält die Namen der in Grafeneck bekannten Opfer fest.

Veranstaltungen zur Eröffnung des Dokumentationszentrums

Die Festlichkeiten zur Eröffnung des Dokumentationszentrums begannen mit einem Gottesdienst. Der Regionalbischof von Reutlingen, Stellvertreter des evangelischen Landesbischofs July, Prälat Claus Maier, verwies in seiner Predigt auf die Zurückhaltung der damaligen offiziellen Kirchen, die sich später im Stuttgarter Schuldbekenntnis zu ihrem Versagen bekannten. Es gab aber auch, so Maier, aufrechte Widerständler, unter denen er stellvertretend Dietrich Bonhoeffer und August Graf von Galen nannte. Die Spaltung sei damals durch das ganze Volk gegangen, aber auch durch die Kirchen, durch Familien und durch jeden einzelnen Menschen, in dem sowohl Gutes als auch Böses als Möglichkeit angelegt seien. „Wer als Christ seinen Glauben lebt, kommt immer wieder in Konflikt mit der Gesellschaft“, so Maier. Zwar gebe es überhaupt keine Verbindung zwischen der Euthanasie und der heute entfachten „aktiven Sterbehilfe“, die sich auf Vernunftgründe berufe. Allerdings hätten auch die Nazis ihre Verbrechen auf Vernunftargumente gestützt und so viele Menschen getäuscht. Das Leben des Menschen bleibe menschlichem Zugriff unverfügbar, auch das eigene, und wenn noch so viele Vernunftgründe für ein gegenteiliges Denken angeführt würden. „Menschen sollen nicht durch die Hand eines Menschen, sondern an der Hand eines Menschen sterben“, so Maier abschließend.

In einer Gedenkfeier im Anschluss an den Gottesdienst erinnerte der Münsinger Bürgermeister Mike Münzing an die Entstehung der Gedenkstätte und an die Vorgeschichte des Dokumentationszentrums, das an diesem Tag eröffnet wurde, und dankte allen Beteiligten, die sich weit über das Normale hinaus durch Mitarbeit und durch Spenden verdient gemacht hätten. Niemals wieder dürfe das menschliche Leben zur Disposition stehen, wobei den vermeintlich „Unproduktiven“ das Lebensrecht verweigert werde. Der Mensch habe sein Lebensrecht durch Geburt, und er könne es nicht verwirken, wenn er „unproduktiv“ werde – ansonsten müsse ja jeder vor Alter und Krankheit Angst bekommen. Entwicklungen, die vor der Achtung des Lebens nicht Halt machten, zeigten sich heute wieder auf verschiedenen, zum Teil versteckten und wissenschaftlich kaschierten Feldern. Es gelte, auch in Zukunft wachsam zu sein.

Ministerpräsident Oettinger hat Schirmherrschaft übernommen

Welch hohen Stellenwert die Landesregierung diesem neuen Dokumentationszentrum beimisst, zeigt sich darin, dass Ministerpräsident Oettinger die Schirmherrschaft übernommen hat und dass Staatssekretär Dieter Hillebrand vom Finanzministerium die Gedenkrede hielt. „Grafeneck ist das Gedächtnis des Landes“, so Hillebrand. Erinnerung brauche eine Stätte, einen sichtbaren Ort, damit sie nicht verblasse – diese Gefahr bestünde ansonsten 60 und mehr Jahre nach dem grausigen Geschehen. Und wo anders, so Hillebrand, hätte dieses Dokumentationszentrum seinen legitimen Ort als hier, am Platz des Geschehens, wo der Damm zur Unmenschlichkeit erstmals im großen Stil durchbrochen wurde. In der Tatsache, dass die Samariterstiftung genau an diesem Ort schon wenige Jahre nach der Mordaktion an psychisch kranken und behinderten Menschen ihre alte Aufgabe, den Dienst am Leben, fortsetzte, sei ein hoffnungsvolles Zeichen. „Die Humanität siegt letztlich über die Unmenschlichkeit. Unsere Werte, ruhend auf der christlichen Tradition, sind der beste Schutz gegen die Wiederholung eines solchen Verbrechens, wie es in Grafeneck geschah.“

Auch Dekan Dr. Hartmut Fritz, der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung, erwähnte die Wichtigkeit und Bedeutung solcher Erinnerungen als Mahnung an die Zukünftigen. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, versteht die Gegenwart nicht und meistert die Zukunft nicht.“ Die Samariterstiftung habe für dieses Dokumentationszentrum gerne eines ihrer Gebäude zur Verfügung gestellt und hoffe auf eine segensreiche Nutzung. Das Dokumentationszentrum zeigt die Geschichte der Euthanasie in Grafeneck in Schriftzeugnissen und in Bildmaterial aus den Jahren 1939 und 1940 und die Entstehung der Gedenkstätte und des Dokumentationszentrums in der Nachkriegszeit. Für Mitarbeiter des Klinikums Weinsberg interessant: Auch der Gedenkstein vor der Weißenhofkirche hat dort in einer großformatigen Abbildung seinen Platz gefunden. Das mit dem Dokumentationszentrum verbundene Archiv besteht aus zahlreichen Fotos, Akten, Überlieferungen aus staatlichen, kirchlichen und privaten Quellen, Nachlässen, es zeigt sich als unabdingbar für die Bearbeitung der Anfragen von Angehörigen und Nachfahren, der Öffentlichkeit, der Wissenschaft, der Justiz und der Verwaltung. Die Fachbibliothek steht der Allgemeinheit offen und erfreut sich schon jetzt eines regen Zuspruchs.

Das Dokumentationszentrum ist täglich geöffnet. Auf Wunsch findet nach Anmeldung für Gruppen eine Führung durch den Wissenschaftlichen Betreuer und Historiker Thomas Stöckle statt, der auch das Buch „Grafeneck 1940“ verfasst hat.


  

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