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Fachforum - Alternatives Wohnen für Senioren

Alternatives Wohnen für Senioren : „Da liegt viel Potenzial drin“
Im Alter allein zu leben oder in eine klassische Altenhilfeeinrichtung zu ziehen, ist nicht für jeden Menschen das Richtige. Alternativen gibt es schon, wenn auch nicht in rauen Mengen.

Von Eva Maria Schlosser

Ein Bett unter vielen. Für Klara N. ist es eine Umstellung, die sie nicht leicht verkraftet. Raus aus ihrer kleinen, 48 Quadratmeter großen Eineinhalbzimmerwohnung, rein in einen Mehrbettsaal. Fünf weitere Betten gibt es noch. Jene sind, wie die Schränke, die Nachttische und die Stühle für den Besuch alle gleich. Viel Raum für Persönliches gibt es nicht mehr. Klara N. hat keine Verwandten, aber dafür einige Bekannte, die sie besuchen kommen. Doch die nüchtern-sterile Umgebung ist ihr fast peinlich. Sie weiß nicht richtig, wohin mit ihrem Besuch. Zwar gibt es Aufenthaltsräume, die leidlich gemütlich eingerichtet sind. Aber es ist doch nicht so wie das eigene Zuhause. Die Pflegerin schaut hin und wieder herein, guckt, dass Frau Z. am Fenster ihre Pillen auch geschluckt hat, dreht Frau H. auf die andere Seite und spricht hier und da ein freundliches Wort mit ihren Bewohnerinnen. Aber viel Zeit hat sie nicht. Chronischer Mangel an Personal lässt die Frau durch die Zimmer eilen.

So oder ähnlich könnte es in etwa dreißig Jahren in Deutschland aussehen. Eine Zukunft, die sich keiner wünscht. Heute sind knapp 13 Millionen Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt. In dreißig Jahren werden es voraussichtlich mehr als 20 Millionen sein, so der vierte Altenbericht der Bundesregierung. Nach der neuesten Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamtes Baden-Württemberg beläuft sich dann der Anteil der 60-Jährigen und noch Älteren auf 36 Prozent (heute 23 Prozent). Rund 723.000 Menschen davon werden älter als 85 Jahre sein (heute 177.000). Das heißt auch, der Anteil an Pflegebedürftigen und Demenzkranken wird zunehmen und die Ausgaben im Pflegebereich werden rasant steigen. Derzeit gibt es, laut Statistik vom Jahr 2001 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, rund 8.448 Alteneinrichtungen mit 716.984 Plätzen, davon etwa 78 Prozent Altenpflegeheimplätze im gesamten Bundesgebiet. Laut drittem Altenbericht wohnen lediglich fünf Prozent der heute über 65-Jährigen in Heimen, zwei Prozent Senioren, die nur bedingt Hilfe in Anspruch nehmen müssen, leben in Einrichtungen wie Alten-Wohnungen oder „Betreutes Wohnen“, oft in Einzelzimmern oder gar Appartements. 93 Prozent der alten Menschen wohnen zu Hause.

„Heimbewohner und Angehörige haben am meisten Angst vor der Anonymität“, sagt Uwe Breuninger von der Samariterstiftung mit Sitz in Nürtingen. Anonym wirken auch unüberschaubare Gänge, wechselnde Mitarbeiter und eine sterile Atmosphäre. Nicht immer lässt sich das vermeiden. Der Trend geht zu kleineren lokalen Einrichtungen, zur ambulanten und zur Kurzzeitpflege, so prognostiziert zumindest das englische Marktforschungsunternehmen MSI (Marketing Research for Industry) in der Untersuchung „Alten- und Pflegeheime in Deutschland“.

Kleinere Einheiten sind überschaubar, familiärer. Diese simple Erkenntnis machen sich seit geraumer Zeit auch manche Alten- und Pflegeeinrichtungen zu nutze. So auch das Haus am Österberg in Tübingen. Das Altenpflegeheim der Samariterstiftung aus den 70er Jahren hat im dritten Obergeschoss umgebaut und eine neue Struktur geschaffen. Seit November dieses Jahres wohnen hier zwei Gruppen von einmal elf und einmal zwölf Demenzkranken in zwei Hausgemeinschaften zusammen. Die Bewohner und Bewohnerinnen, die bislang hier lebten, wurden in die Hausgemeinschaften übernommen. Ein Umbau der Räumlichkeiten und eine Umstrukturierung des Personals hat diese neue Wohnform möglich gemacht: Neben den Ein- und Zweibettzimmern haben beide Hausgemeinschaften jeweils eine Wohnküche, die den Dreh- und Angelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens bilden soll. Auch hier besteht die Einrichtung aus Dingen, die mit dem Leben der Bewohner zu tun haben wie antike Möbel, ein altes Röhrenradio oder ein gemütlicher Ohrensessel. „Die Küche muss der Lebensmittelhygieneverordnung entsprechen und soll trotzdem nicht steril aussehen,“ so Uwe Breuninger von der Samariterstiftung. „Aber wenn ich das fuchsig plane, kann ich beide Bedingungen erfüllen.“ In den Wohnküchen wird gemeinsam gegessen, gespielt und ferngesehen. Tätigkeiten, Geräusche und Gerüche sollen die Bewohner animieren und an Ereignisse aus ihrem Leben erinnern.

Und, soweit möglich und im Rahmen der hygienischen Bestimmungen erlaubt, sollen die Bewohner in einfachere Tätigkeiten eingebunden werden. Kontaktperson für Bewohner und Angehörige ist bis 20.30 Uhr eine Präsenzkraft, die immer in der Wohnküche anzutreffen ist und den Lebensalltag der Bewohner wie den hauswirtschaftlichen Background der Gemeinschaft organisiert, später übernimmt eine Nachtwache. Ein Fachpflegedienst, vergleichbar mit einem internen ambulanten Dienst, übernimmt die wesentliche Anteile der Pflege.

Für Breuninger liegt der Hauptvorteil dieser neuen Wohnform im Zugewinn von Qualität für die Bewohner. Die Hauswirtschaft steht im Mittelpunkt des Alltags, nicht die Pflege. So entsteht keine synthetische Krankenhaus- oder Hotelatmosphäre. „Es geht hier nicht darum, etwas billiger zu machen,“ so Breuninger, „sondern mit vorhandenen Personalressourcen für den Bewohner erlebbare Qualität zu erzeugen.“ Zur Qualität gehört beispielsweise ein überschaubares Maß an Mitarbeitern. Und die Tatsache, dass auch Bettlägerige und stark Pflegebedürftige, soweit sie nicht durch andere Mitbewohner gefährdet werden, in ihrer vertrauten Gemeinschaft verbleiben können. „Deshalb haben wir nicht die Rahmenvereinbarung Demenz abgeschlossen“, sagt Breuninger. Sie würde eine Verlegung von stark Pflegebedürftigen mit sich bringen, den Einrichtungen allerdings einen höheren Pflegesatz seitens der Kostenträger zubilligen.

Für die Pflegekräfte und Leitung des Hauses am Österberg haben die Hausgemeinschaften Modellcharakter – das Konzept soll erprobt werden. Diese Erprobung wird mit Analysen zur Arbeitsbelastung und Arbeitsverteilung begleitet, die Mitarbeiter erhalten Supervision, leitende Mitarbeiter besuchen andere Einrichtungen, die bereits Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt haben. Außerdem wird das so genannte Dementia Caremapping durchgeführt, ein Verfahren, dass der Erhebung der persönlich empfundenen Qualität dienen soll.

Und schon plant die Samariterstiftung bereits weitere Projekte: In Nufringen bei Böblingen ist ein Kleinheim für drei Hausgemeinschaften in Planung, das eine Gruppe mit zwölf Demenzkranken und zwei Gruppen mit Bewohnern mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen und körperlicher Pflegebedürftigkeit aufnehmen soll.
Auch das Heim der Samariterstiftung in Münsingen soll komplett in Hausgemeinschaften umgewandelt werden. Parallel zum Seniorenheim gibt es hier seit März 2000 mitten in der Stadt ein Wohnprojekt, das Jung und Alt zusammenführt und ebenfalls unter Federführung der Samariterstiftung läuft. Die Idee zum „Wohnpark Münsingen Mitte“ stammt von der Immobilienfirma a.i.p. Sie hat auch die fünf mehrstöckigen, in rot, blau oder gelb erstrahlenden Häuser gebaut, die sich zu einem bepflanzten Innenhof mit Sitzbänken und Spielplatz öffnen und Lebensmittelgeschäfte wie Friseur, Banken wie Arztpraxen in unmittelbarer Nähe oder gar in den Erdgeschossen der Häuser selbst haben. Die Wohnungen wurden bereits im Vorfeld verkauft und nach den Wünschen der Besitzer und Bewohner angefertigt. Sie sind zum Teil mit Aufzug und barrierefrei. Aus dem Verkaufserlös spendete die Firma eine Million (damals noch) Mark an die Samariterstiftung. 300.000 Mark wurden dafür verwendet, ein Büro und ein Gemeinschaftsraum mit Wohnküche einzurichten. Der Rest des Betrags wurde angelegt und finanziert eine eigens für die Wohnanlage angestellte Gemeinwesenarbeiterin, die für alle Bewohner ein offenes Ohr hat, Feste und andere Veranstaltungen koordiniert und organisiert.

„Unser Ziel ist gute Nachbarschaftshilfe“, erklärt Gemeinwesenarbeiterin Helga Hock. „Und die ist umso besser, je mehr sich die Menschen kennen.“ Rund 60 Prozent ältere Menschen wohnen hier, außerdem junge Paare, Alleinstehende, Berufstätige und – „in letzter Zeit wieder vermehrt“, so Hock – Familien mit Kindern. Die Bewohner feiern zusammen Sommer- oder Nikolausfeste, die Jüngeren schleppen für die Älteren auch mal einen Kasten Sprudel, gehen für den kranken Nachbarn in die Apotheke und die Älteren besuchen die 14-tägliche Sitzgymnastik oder sitten das Baby von der Nachbarin nebenan. Gemeinschaft und Offenheit gegenüber den anderen ist groß geschrieben, „aber man kann sich durchaus auch mal ausklinken,“ so Hock. „Es soll so funktionieren wie früher eine Dorfgemeinschaft funktioniert hat.“ Für Hock funktioniert die Idee der Gemeinschaft zwischen Jung und Alt: „Ältere wie Jüngere werden hier nicht allein gelassen. Die Jüngeren profitieren vom großen Erfahrungsschatz der Älteren, die Senioren von der Lebendigkeit der Jüngeren.“

Ein ähnlicher Gedanke liegt den Mehrgenerationenhäusern zugrunde, die sich in diversen Städten etablieren. Beispiel: Das Generationenhaus Stuttgart-Heslach. Mehrere Generationen wohnen, arbeiten oder verbringen ihre Freizeit in dem sanierten Altbau und dem sich direkt anschließenden Neubau. Die Gebäude vereinigen Seniorenpflege, Junge Pflege (mit rund 74 Plätzen) und das Mütterzentrum unter einem Dach, hier treffen sich Bürgerinitiativen, Feste werden gefeiert. Die Pimpfe von der Kindertagesstätte nebenan sausen durch den Garten. Im Erdgeschoss arbeiten sich Senioren in „Photoshop“ ein oder surfen durch das Worldwideweb. Im oberen Stockwerk des Neubaus leben fünf Frauen im Alter von 30 bis 70 Jahren in einer Wohngemeinschaft zusammen. Sie sind Mitglieder des Stuttgarter Vereins Wabe, der generationenübergreifende gemeinschaftliche Wohnprojekte realisiert. Jede Frau hat ihr eigenes Appartement, die Freizeit wird nicht selten gemeinsam verbracht: „Wir sagen uns gegenseitig Bescheid, wenn wir ins Theater gehen“, so WG-Bewohnerin und Aktive des Vereins Wabe, Petra Schneider. Bei Grippe oder Beinbruch helfen die Nachbarinnen ganz selbstverständlich. Aber, so gibt auch Schneider offen zu: „Hinfälligkeit ist die Grenze, wo nachbarschaftliche Hilfe nicht mehr das leisten kann, was geleistet werden muss.“ Doch auch in diesem Fall ist ihr nicht bang: „Hier im Generationenhaus kann man ohne Probleme alt werden. Wenn nichts anderes mehr geht, kann man in die Pflegeabteilung ziehen.“ Auch Koordinator Ralf Böddingmeier sieht viel Positives: „Die Pflegebedürftigen leben hier nicht isoliert. Und Junge wie Alte lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und sich gegenseitig zu respektieren.“

Gemeinschaftliche Wohnformen zwischen Jung und Alt bringen Lebendigkeit und eröffnen neue Möglichkeiten – von denen bereits die Menschen zu Großmutters Zeiten profitierten. Aber auch eine weitere Lebensform findet bei Senioren Anklang: die Wohngemeinschaft. Nahezu visionär war die Idee der Bauingenieurin Sieglinde Wartenberg und des Mechanikers Erhard Becke, als sie vor rund sechs Jahren den Verein „Alt werden in Gemeinschaft“ gründeten. Die selbst gesteckte Aufgabe der ehrenamtlich Arbeitenden in Dresden: Senioren zusammenzubringen, bestehende Gemeinschaften begleiten und zwischen Bauträgern und künftigen Mietern vermitteln. So entstand 1998 in Dresden-Wölfniz die erste Wohngemeinschaft. Sieben Menschen, darunter ein Ehepaar, mittlerweile im Alter zwischen 67 und 82 Jahren leben dort zusammen. Jeder ist eigenständiger Mieter gegenüber dem Bauträger. Die Wohnung befindet sich in einem sanierten Wohnhaus und hat mehr als 300 Quadratmeter Grundfläche. Sie besteht aus mehreren 40 bis 50 Quadratmeter großen Einheiten. Außerdem hat jeder ein eigene kleine Küche und eine Sanitäreinheit. Zur WG gehören ein Gemeinschaftsraum, eine Gemeinschaftsküche, ein behindertengerechtes Bad und ein Platz im Garten. In unmittelbarer Nähe befinden sich Geschäfte. Die Sozialstation in der Nähe wird auf die WG aufmerksam gemacht. Der Vorteil dieser Lebensart: „Das Leben in Gemeinschaft ist zum einen sehr preisgünstig und damit auch eine große Ersparnis für die Gesellschaft,“ so Wartenberg. Zum anderen kann man sich gegenseitig unter die Arme greifen – physisch und psychisch.

Auch Uwe Breuninger von der Samariterstiftung hält selbstorganisierte Wohnformen wie private oder von Vereinen gegründete Wohngemeinschaften für Senioren für förderungswürdig: „Da liegt ganz viel Potenzial“, so Breuninger. „Damit kann man auch die Schaffung von teuren Heimplätzen, die soziale Isolation der Älteren und unnötige professionelle Hilfe vermeiden.“ Die Einrichtung von Hausgemeinschaften innerhalb der Seniorenheime sieht er als Chance, das Berufsbild von Pflegekräften zu verbessern, weil sie neue Handlungs- und Arbeitsplatz-Alternativen bieten.

Für Breuninger steht aber auch fest, dass jene Wohnformen das herkömmliche System nicht ganz ersetzen können. Trotzdem bleibt die Frage, warum just in Württemberg ähnliche Konzepte nur langsam umgesetzt werden. „Wenn Träger dazu bereit sind, sich auf solche neuen Modelle einzulassen, werden sie oft nur bedingt innovationsfreundlich von den Ämtern begleitet“, sagt Breuninger. „Vielleicht nimmt man hier Gesetze und Verordnungen etwas zu ernst. Da muss man sich schon auch mal fragen, für wen wir diese überhaupt machen: für das System oder für die Menschen?“

Eva Maria Schlosser ist Journalistin in Stuttgart
Bild: Wohnpark Münsingen, Autor: a.i.p. Immobilien Gmbh


  

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