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25 Jahre Altenhilfe in Neresheim
 
 
Ansprache anlässlich des Festaktes „25 Jahre Alten- und Pflegeheim im Samariterstift Neresheim“

Von Dr. Eberhard Goll

Von Dr. Eberhard Goll

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Festgäste, ich freue mich, Sie alle heute zu diesem freudigen Anlass hier im Festsaal des Samariterstifts Neresheim begrüßen zu können und ich darf Ihnen auch die herzlichen Grüße des Stiftungsrates (unter dem Vorsitz von Herrn Direktor im Landtag Dr. Eberhard Leibing) und des Vorstandes der Samariterstiftung überbringen.

Ich möchte mit Ihnen über die Entwicklung der stationären Altenhilfe in den vergangenen 25 Jahren nachdenken und zwar am Beispiel dieses Hauses, des am 7. Juni 1979 eingeweihten Alten- und Pflegeheimes. Es gab, wie Sie vielleicht wissen oder der Einladung entnommen haben, auch schon 15 Jahre vorher eine Altenhilfeeinrichtung hier auf dem Gelände, nämlich im Haus am Sohl, dort wo heute behinderte Menschen wohnen.

Es wird Sie sicher nicht überraschen, dass ich meinen Vortrag zum dem Thema „25 Jahre Altenhilfe im Samariterstift Neresheim – Rückblick und Ausblick“ in zwei Kapitel einteile. Sowohl beim rückschauenden Teil als auch beim Blick in die Zukunft mache ich mir Ge-danken zu zwei Fragen:

Was hat sich an den Rahmenbedingungen i.w.S. (das heißt auch an den Erwartungen der Bewohner) verändert bzw. was wird sich voraussichtlich verändern?

Wie haben wir in der Vergangenheit/bis heute darauf reagiert und was planen wir für die Zukunft?

1. Rückblick

Die ersten Planungen für dieses Gebäude wurden 1973, d.h. vor mehr als 30 Jahren entwickelt. Und in den vergangenen 30 Jahren hat sich in der Altenhilfe in Deutschland und damit auch hier in Neresheim eine Menge geändert.
Der Neubau wurde auch deshalb notwendig, weil das Haus am Sohl für den steigenden Bedarf an Altenpflegeplätzen nicht mehr ausreichend war. Das Haus hier mit seinen da-mals noch 85 Plätzen war konzipiert für 57 Altenheim- und 28 Pflegeheimbewohner. Heute haben wir hier im Haus von 90 Bewohnern nur noch 7 Altenheimbewohner. Seit Einfüh-rung der Pflegeversicherung vor 9 Jahren sind diese Personen in der Pflegeklasse 0 K, wobei das „K“ für „keinen Pflegebedarf“ steht. Mit dieser Entwicklung einher ging die drastische Veränderung des Durchschnittsalters und des Gesundheitszustandes der Heim-Bewohner. Heute liegt das Durchschnittsalter unserer Bewohner bei etwas mehr als 82 Jahren, vor 25 Jahren waren die Bewohner im Durchschnitt sicher rund 10 Jahre jünger. Die Menschen, die heute hier aufgenommen werden, haben in aller Regel eine ganze Reihe von sog.
Fähigkeitsstörungen (in der Fachsprache beginnen die Begriffe häufiger mit einem „I“. D.h. sie können nicht mehr laufen (Immobilität), können ihre Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren (Inkontinenz), sie sind sturzgefährdet (Instabilität), sie können nicht mehr selbst essen, haben Schluckstörungen, sie haben Schwierigkeiten, sich zeitlich, räumlich oder personell zu orientieren (intellektueller Abbau bzw. Demenz), haben Schwierigkeiten, sich zu verständigen, sehen und hören schlechter. Wenn die Bewohner heute zu uns in die Einrichtung kommen, dann sind sie nicht selten schon eine ganze Zeit vorher zuhause gepflegt und betreut worden, oft mit Unterstützung von Sozialstationen und ambulanten Diensten.

Gravierend verändert haben sich in diesem Vierteljahrhundert auch die Ansprüche der Bewohner und ihrer Angehörigen. So wie Sie, meine Damen und Herren, es auch bei Hotels und Tagungsstätten kennen, so möchten auch Bewohner in einem Pflegeheim bzw. ihre Angehörigen möglichst ein Einbettzimmer und einen individuell zugeordneten Sanitärraum mit WC und Dusche. Auch an die Helligkeit, die Farben und die Ausstattung haben Bewohner und Mitarbeiter in einem Pflegeheim heute selbstverständlich andere Erwartungen als 1979. Das betrifft nicht nur die Zimmerausstattung.

Ähnlich wie das Gesundheitswesen hat die Altenhilfe, vor allem im stationären Bereich, in den hinter uns liegenden 25 Jahren eine nicht mehr zu überschauende Flut von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien über sich ergehen lassen müssen (Überregulierung). Positiv daran ist die deutlich gestiegene Professionalisierung, und zwar in allen Bereichen, von der Pflege und Betreuung, über die Hauswirtschaft und Haustechnik („Facility Mana-gement“) bis in die Verwaltung und Leitung. Negativ ist, dass es kaum mehr möglich ist, alle Anforderungen im Detail zu kennen und dann in der Realität auch umzusetzen. Die Einhaltung der Vorschriften in über 80 Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien und Normen wird von über 40 Kontrollinstitutionen und Behörden überprüft. Dass hierfür sehr viel Zeit und Geld verwendet werden muss, dass dann letztlich für die Bewohnerinnen und Bewoh-ner fehlt, versteht sich von selbst. Außerdem widersprechen sich manche Vorschriften (Hygiene und Brandschutz versus Wohnlichkeit und Normalität). Ich hoffe nur, dass die verschiedenen Entbürokratisierungskampagnen dann auch in der Altenhilfe spürbar werden. Wichtigste Voraussetzung ist, dass wieder mehr Vertrauen in die Arbeit der Träger, zumindest der gemeinnützigen Träger, entsteht.

Eine einschneidende Veränderung war die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 und vor allem die Umsetzung in die Praxis. Was für die betroffenen Menschen eine große finanzielle Erleichterung brachte, entpuppte sich für die Heime und Einrichtungen schnell als bürokratischer Wahnsinn und im Laufe der Zeit traten immer mehr auch die fachlichen Unzulänglichkeiten zu Tage (Pflegebedürftigkeitsbegriff, „künstliche“ und wenig sachgerechte Aufteilung der Angebote usw.).

Für ein Pflegeheim (bzw. für ein sozialwirtschaftliches und diakonisches Unternehmen generell) sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die wichtigste Ressource. Arbeit in einem Pflegeheim ist für alle, die direkt mit den Bewohnern zu tun haben, Beziehungsarbeit. Die deutliche gestiegene Professionalität habe ich schon erwähnt. In der Pflege hier im Haus sind 56 % Fachkräfte, in der Hauswirtschaft 30 % und in der Leitung alle. Die Arbeitszeiten haben sich deutlich verkürzt (von damals noch 40 Stunden in der Woche auf heute 38,5 Stunden). Teilzeitarbeit, wie sie heute hier im Samariterstift schon 43 % der Mitarbeiter machen, kannte man damals noch so gut wie nicht.

Voraussetzung, um sich veränderten Bedingungen und Erwartungen anzupassen, ist es, sie erst einmal wahrzunehmen. Wenn’s geht, frühzeitig. Wir haben glücklicherweise hier im Samariterstift Neresheim sehr qualifizierte Mitarbeitende, auch in der Leitung, unter der Verantwortung von Herrn Kaufmann, die eine besondere „Antenne“ dafür entwickelt haben. Besonders schwierig sind Veränderungen im baulichen Bereich, denn bei einem Pflegeheim wird eine bestimmte Konzeption, auf die man sich in der Planung verständigt, letztlich „in Stein gegossen“, hier im Haus in „Beton“. Wir sitzen hier im Festsaal dieser Einrichtung. Auf dieser Ebene befinden sich noch ein großer Speisesaal, das Cafe und die Physikalische Therapie mit Schwimmbad. Im Außengelände finden sich der Park mit Minigolfanlage oder Gartenschach. Sie wurden damals auch für die älteren Menschen hier im Haus gebaut. Heute können viele Pflegeheimbewohner diese Räume weit weniger oder gar nicht mehr nutzen. Der Festsaal ist trotzdem noch
rege in Benutzung für Gottesdienste, Gymnastik, Gedächtnistraining, Kino.

Das Cafe Kanapee wurde attraktiv umgestaltet. Heute essen dort Gäste, Mitarbeiter und immerhin noch 22 Bewohner. Auch auf den Wohnpflegegruppen, wie die ehemaligen „Sta-tionen“ heute genannt werden, wurde vieles umgebaut. In den Altenheim-Appartements wurden die Kochnischen ausgebaut. Es wurden Aufenthalts- und Gruppenräume geschaf-fen (Wintergärten), es wurde ein Wohlfühl- bzw. Snoezelenraum eingerichtet, wir haben eine separate Gruppe für demenziell erkrankte Bewohner geschaffen und ansprechend gestaltet. Das Haus wurde mit neuen Farben und Farbtechniken heller und freundlicher gemacht, die Ausstattung hat sich wesentlich verändert (z.B. die Pflegebetten aus Holz, die inzwischen richtig wohnlich aussehen). Wir haben größere Summen in vorbeugende Brandschutzmaßnahmen investiert und damit die Sicherheit für die Menschen im Haus wesentlich erhöht.

Gezwungener Maßen mussten wir sehr viel Zeit und Geld in Untersuchungen und Reparaturen im Zusammenhang mit dem Wasserleitungsnetz und Undichtigkeiten investieren. Das Problem ist nicht in den Griff zu bekommen und immer wieder spüren wir schmerzlich die Auswirkungen eines maroden Leitungsnetzes (Decken in den Wohnpflegegruppen brechen häufig herunter, weil sich dort Wasser gesammelt hat).

Dass wir hier in diesem Haus einige Millionen investiert haben, kann man unschwer erkennen. Insofern hat uns auch der Landeswohlfahrtsverband bei einer Begehung vor wenigen Jahren bestätigt, dass die Einrichtung in einem guten Zustand ist. Es hat uns aber ziemlich geärgert, dass er unseren Antrag auf Sanierung und Modernisierung des Hauses mit der Begründung abgelehnt hat, dass wir dafür doch erst einmal die uns zur Verfügung stehenden Instandhaltungsmittel einsetzen sollten. Meine Damen und Herren, Sie können sicher sein, dass wir ein mehrfaches dieser im Pflegesatz enthaltenen Mittel längst wieder im Haus verbaut haben.

Es ist unschwer zu erkennen, dass diese 5 stöckige Gebäude aus Beton gebaut ist. Sie kennen sicher noch den Slogan „Beton – es kommt drauf an, was man daraus macht“. In Abwandlung auf unsere Situation könnte man sagen: „Es kommt darauf an, was man darin macht!“ Insofern gingen die baulichen Maßnahmen einher mit einer Reihe von konzeptio-nellen Veränderungen, die sich konkret in der täglichen Arbeit zeigen (z.B. Demenzgrup-pe oder generell die biografiebezogene Pflege und Betreuung). Viele Dinge, die sich ver-ändert haben, sind nicht auf den ersten Blick wahrzunehmen. Seit rund 10 Jahren beispielsweise werden hier unter dem Stichwort „Qualitätsmanagement“ die Bedürfnisse der Bewohner genauer unter die Lupe genommen, es wird konkret versucht, die Arbeit („Prozesse“) noch stärker an diesen Bewohnerbedürfnissen auszurichten (ganz aktuell läuft dazu mit Unterstützung der Berufsgenossenschaft ein Projekt unter dem Titel „Arbeitslogistik)“. Damit dies alles dann auch verlässlich umgesetzt wird, werden die Prozesse ge-meinsam entwickelt und beschrieben. Einige von Ihnen, meine Damen und Herren, werden sich daran erinnern, dass wir im vergangenen Jahr das IQD - Gütesiegel für Pflege-heim mit glänzenden Ergebnissen erworben haben.

Vor einigen Jahren haben wir damit begonnen, die gesamte Pflegedokumentation in unseren Pflegeheimen zu optimieren und zu vereinheitlichen. Das Samariterstift Neresheim war eine der ersten Einrichtungen in der Stiftung, die danach dann die Pflegeplanung und –dokumentation auf EDV umgestellt hat. So können wir die immer umfangreicheren Dokumentationsarbeiten jetzt verlässlicher und in kürzerer Zeit bewältigen, damit mehr Zeit für die Bewohner bleibt.

Bei den vielen Projekten und Maßnahmen kann ich im heutigen Rahmen nur einige wenige nennen. Deshalb nur noch einige Stichworte zur Ergänzung: Kurzzeitpflege als festes Angebot, Tagespflege als Versuchsangebot, Überlegungen zur Einrichtung einer Gruppe für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzungen („apallischem Syndrom“), Arbeitszeitmodelle („autonome Arbeitsgruppen“), Dekubitus-Prophylaxe, Speisenversorgungskonzept, Ange-hörigen- und Ehrenamtlichenarbeit, Gründung eines Fördervereins. Und die meisten dieser Projekte und Vorhaben waren natürlich verbunden mit Schulungsmaßnahmen für die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den verschiedenen Bereichen. Ihnen gilt an dieser Stelle mein herzlicher Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz über die schon anstrengende tägliche Arbeit hinaus. Und stellvertretend möchte ich meinen Dank den Verantwortlichen in dieser ganzen Zeit aussprechen: Herrn Herbert Dieck und seiner Ehefrau Marianne und Herrn Jochem Kaufmann, der seit Ende 1996 nun schon die Gesamtleitung im Sam. Neresheim inne hat.

2. Ausblick

Die erste Frage lautet: Welche Herausforderungen in der Zukunft sehen wir bezogen auf unser Altenhilfeangebot hier in Neresheim? Ich habe versucht, die wichtigsten Dinge in 8 kurzen Punkten zusammen zu fassen:

· Zunehmender Wettbewerb, da in der Umgebung weitere Pflegeheime gebaut wurden oder geplant sind
· Einschränkung der Pflegeversicherungsleistungen oder gar die Abschaffung
· Zunahme der Demenzerkrankungen
· Aus den Krankenhäusern kommen die Menschen früher und „kränker“ in die Pflegeheime
· Die Folgen der demografischen Entwicklung für den Hilfebedarf und die Mitarbeitergewinnung (insbes. bei den Fach- und Führungskräften)
· Sich verändernde Ansprüche und Erwartungen an Selbstbestimmung, Selbständigkeit und Autonomie auch im höheren Alter
· Weiter zunehmende Regulierung oder endlich Entbürokratisierung
· Mittelreduzierung bei Sozialhilfe, Fördermittel usw.


Die spannende Frage, meine Damen und Herren, stellt sich nun zum Schluss: Wie wollen wir diese Herausforderungen bewältigen und was planen wir konkret?

Wir werden

1. unsere Konzeptionen weiter verfeinern und ausdifferenzieren, um den individueln Bedürfnissen der Bewohner noch besser gerecht zu werden (über die Dienst-leistungsvisiten, das Arbeitslogistik-Projekt und die damit verbundenen Analysen und die regelmäßigen Befragungen über IQD erfahren wir mehr darüber, was unse-ren Bewohnern wichtig ist),

2. fachlich mit den Entwicklungen Schritt halten, in dem wir neben der schon erwähn-ten Dekubitus-Prophylaxe weitere deutsche Expertenstandards (zur Ernährung, zur Sturzprophylaxe usw.) einführen bzw. umsetzen,

3. unser Profil als diakonische Einrichtung, die eng mit dem Gemeinwesen verbunden ist, weiter schärfen (religiöses leben in der Einrichtung, Angebote für MA)

4. über Konzepte, Aktionen und Projekte die Beteiligung von Angehörigen und Ehrenamtlichen intensivieren und schließlich

5. planen wir einen Ersatzneubau für dieses Haus, möglichst an einem auch topografisch besseren Standort in Neresheim. Seit einigen Jahren sind wir schon im Ge-spräch mit dem Landeswohlfahrtsverband, dem Landkreis und der Gemeinde. Es geht auch da in erster Linie ums Geld. Einerseits haben wir hier im Haus die schon erwähnten gravierenden Probleme mit dem Wasserleitungsnetz, insbesondere aber mit den baulichen Standards (Sanitärräume, Einbettzimmer-Quote). Andererseits ist inzwischen auch gutachterlich bestätigt, dass dieses Haus nicht mehr mit vertretbarem Aufwand so umgebaut werden kann, dass es den künftigen Anforderungen an Pflegeheime entspricht. Wir warten weiter auf grünes Licht seitens des Landkreises für einen solchen Ersatzneubau. Eine Entscheidung wurde uns von Ihnen, Herr Landrat Pawel, für dieses Frühjahr angekündigt.


  

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