Ein Künstler aus Grafeneck stellt sich vor
„Eine Ansammlung künstlerischer Ur-Gewalt“
Einblicke in das außergewöhnliche künstlerische Schaffen eines Bewohners im Samariterstift Grafeneck

Wir veröffentlichen nachfolgend eine Rede von Max G. Bailly, die der freie Künstler anlässlich einer Jahresveranstaltung des "Forums Zivilgesellschaft" hielt.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
"bunt wie das Leben" ist der Titel einer Ausstellungsreihe, deren Gestaltung und Organisation mir von der Samariterstiftung anvertraut wurde. 2-3 mal im Jahr wollen wir Einblicke geben in künstlerische Ausdrucksformen. Diese Ausstellungen finden zunächst in den Foyer-Räumen der Hauptverwaltung der Samariterstiftung in Nürtingen- Oberensingen statt. Die Samariterstiftung öffnet sich also der Kunst und lädt interessierte Menschen ein, sich ein Bild zu machen, Einblicke zu bekommen in das segensreiche Wirken der Stiftung und zugleich, über Bilder und Gestaltungen, Anteil zu nehmen an den Entwicklungen von Menschen, die in den verschiedenen Einrichtungen betreut werden, Anteil zu nehmen an der oft erstaunlichen Wirkungskraft ihrer Arbeiten. Und, im Wechsel, öffnet die Samariterstiftung sich auch den Künstlern der Region, die dort ausstellen können und ihren künstlerischen Ansatz zur Diskussion stellen, und die dabei zugleich mit ihren Verwandten und Freunden die Stiftung kennen lernen werden.
Das kreative Potenzial von Menschen mit Behinderungen
Viele Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtungen der Samariterstiftung, seien es alte Menschen oder Menschen mit Behinderungen, zeigen immer wieder, welch kreatives Potenzial in Ihnen lebendig ist. Gerade ihre Bilder und Gestaltungen eröffnen den Betrachtenden eine neue, oftmals überraschende, Sicht auf die uns so gewohnte Wirklichkeit und regen zum Nachdenken an. Immer wieder können wir dabei auch staunend wahrnehmen, wie, beispielsweise in einer Folge von Bildern, Veränderung sichtbar wird, welch heilendes Potenzial also im kreativen Tun liegen kann. Die Ergebnisse schöpferischer Arbeit sollen, ja müssen gesehen werden. Denn es liegt Sinn in der künstlerischen Arbeit, Lebens-Sinn. Kunst ist das Sinn-Spiel des Lebens sagte einmal Kurt Leonhard, der grosse alte Dichter, Philosoph und Kunsthistoriker. In solchem also durchaus auch spielerischen Tun liegt viel Kraft : neu schöpfen und dabei mitwachsen. (In einer Zeit der Reformen und der gesellschaftlichen Veränderungen kann die Kraft der künstlerischen Impulse gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Kunst und Kultur sollte das letzte sein, an das der Rotstift heran darf, ein Kulturetat sollte in Zeiten der Krise eher aufgestockt werden. Gestatten Sie einem Künstler diesen kleinen Nebensatz). Neben meiner eigenen künstlerischen Arbeit war ich auch lange Jahre Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen. So ist es naheliegend, dass ich versuche, diese Ausbildungsstätte in das Konzept mit einzubinden, Studierende an die Einrichtungen der Samariterstiftung heranzuführen, Praktika oder Praxissemester anzubieten um dann auch aus dieser Arbeit der Studierenden in den Einrichtungen wiederum Ausstellungsprojekte zu entwickeln. Von dem Berufsbild des Kunsttherapeuten bin ich aus eigener Anschauung zutiefst überzeugt, ein eminent wichtiger und förderungswürdiger Ansatz.
Zu den Bildern von Norman Seibold
Norman Seibold, geboren 1968, studierte kurzzeitig in Pforzheim Gestaltung und in Nürtingen Kunsttherapie, um dann von 1993 bis 1999 Malerei an der Kunstakademie in Karlsruhe zu studieren, wo er zuletzt Meisterschüler bei Max G. Kaminsky war. Er lebt jetzt in der Aussenwohngruppe des Samariterstiftes Grafeneck bei Münsingen. Im Schloss Grafeneck hat er ein Atelier. Es war ein sehr bewegender erster Kontakt den ich mit ihm vor einem Jahr bei der Vorbereitung einer Ausstellung hatte. Innerlich war ich schon sehr aufgewühlt, es war meine erste Begegnung mit der Gedenkstätte Grafeneck (1939 wurden hier über 10 000 körperlich und geistig Behinderte als "nicht lebenswertes Leben" vergast und verbrannt, die Keimzelle, das Muster der Maschinerie des Grauens). So beeindruckt kam ich in das alte Haus, in dem Norman damals arbeitete. Dieser Künstler ist ein Naturereignis. 5 Räume auf zwei Etagen übervoll mit Stapeln von Bildern, auch riesengroße Formate, die Bild-Flächen oft beladen mit kiloschweren Gebirgen von Farbe, die monatelang trocknen muss, dazu die Luft im Haus: explosiv, Terpentin, zum Schneiden dicht. Und: Gestalten, Gitter, Farbexplosionen, Landschaften, riesige Blüten, dunkelste Nächte, lodernde Feuer, Idylle und Chaos, Schlangen und Fabelwesen, Tänze und Extasen. Hier ringt ein Mensch, mit inneren und mit äußeren Bildern, mit dem Material, aber vor allem: mit seiner eigenen Existenz. Eine solche Ansammlung an künstlerischer Ur-Gewalt ist mir nie vorher begegnet. So ist es begrüssenswert, das sich der Rektor der FH für Kunsttherapie, Prof. Hartmut Majer, Norman Seibolds angenommen hat, ein Student der FH beginnt das Material zu sichten, es wird zu Diplomarbeiten über das Phänomen dieses Künstlers kommen, ein Brückenschlag zur bekannten Prinzhornsammlung ist möglich, an einen Katalog wird gedacht.
Max G. Bailly ist freier Künstler und war lange Jahre Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtingen.
Link zu: Weitere Bilder von Norman Seibold








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