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11.05.18 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Ein Laden für das Leben


Der Dorfladen in Ebnat ist für die Gäste des Hospizes ein Ort der Begegnung und Freude. Viele erleben hier noch ein Stück Eigenständigkeit. Eine davon war Elfriede Pohl.


„Ambulante und stationäre Hospizarbeit ist für uns ein wichtiges Anliegen, das wir unterstützen. Es geht dabei immer um die Würde des Menschen. ”
Josef Bühler,
Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg


Die leuchtend rote Jacke hatte sich Elfriede Pohl im vergangenen Herbst gekauft. 
Sie sollte sie farbenfroh durch den grauen Winter begleiten. Im Februar sitzt Elfriede Pohl im Rollstuhl, trägt eine Wollmütze auf dem fast kahlen Kopf und friert – trotz der neuen Jacke. Die 63-Jährige lebt seit Ende des vergangenen Jahres im Hospiz in Ebnat. Sie hat Magenkrebs.

Vor nicht allzu langer Zeit war sie eine rührige, selbstständige Best-Agerin – voll dabei im Leben. Nun freut sie sich, wenn sie in den Ebnater Dorfladen im Flecken geschoben wird und dort ein paar Kleinigkeiten einkaufen kann. „Das ist mein letztes Stück Selbstständigkeit. Gut, dass es den Dorfladen gibt.“

Die Diagnose Krebs ist unbarmherzig. Sie reißt Menschen aus ihrem normalen Leben. Das Selbstverständnis des Lebens wird erschüttert. Seit etwas mehr als einem Jahr hat Elfriede Pohl die Gewissheit, dass nichts mehr in ihrem Leben so bleiben wird, wie es war. Es folgten neun Monate Chemotherapie. Weihnachten war sie noch mit ihrem Auto unterwegs, ging einkaufen, besuchte schöne Orte.

Das ist jetzt alles vorbei. Die gelernte Industriekauffrau kann kaum noch Nahrung bei sich behalten. Sie nimmt immer mehr ab. „Es ging so schnell, ich wusste gar nicht, wie mir geschieht“, erzählt sie. „Mein gewohntes Leben war von jetzt auf gleich weg.“ Alleine wohnen ging nicht mehr. Der 27-jährige Sohn lebt in der Nähe von München. Die Sozialberaterin im Krankenhaus hat ihr das Hospiz in Ebnat vorgestellt. „Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt.“

„Ich bin hier angekommen, und mir ging es gleich gut.“ Angst und Trauer, die bis dahin die Seele besetzten, wichen der Sicherheit, einen Platz gefunden zu haben, wo sie sein darf, wie sie eben ist. Elfriede Pohl arrangierte sich damit, dass es sie trotz ihres noch vergleichsweise jungen Alters erwischt hat, und ihre Lebensgeister erwachten. „Als ich mitbekommen habe, dass es hier über die Straße einen Dorf - laden gibt, wollte ich unbedingt da hin. Ich komme mir so hilflos vor, wenn ich dauernd um Hilfe bitten muss. Ich wollte wieder alleine einkaufen gehen.“ So lernte sie Petra Traub und Jutta Gieser kennen.

Die beiden Frauen haben vor vier Jahren im Ort den Dorfladen eingerichtet. „Es sollte ein Ort der Begegnung für alle sein“, sagt Petra Traub. Damit jeder dort jeden treffen kann, sind die Gänge zwischen den Regalen breit genug für Rollstuhl oder Kinderwagen. „Das habe ich gleich gemerkt, dass ich hier richtig gut durchkomme“, freut es Elfriede Pohl. Für sie ist es auch kein Problem, an den guten Fruchtsaft im obersten Regalbrett zu gelangen – es liegt nämlich in Griffhöhe – höher gelegene Regale gibt es übrigens im gesamten Laden nicht.

„Als wir hierher kamen, war die Alteneinrichtung der Samariterstiftung schon da. Wir wollten, dass Bewohner von dort alleine oder mit Angehörigen zum Kaffeetrinken herkommen“, erzählt Jutta Grieser. Nun ist auch noch das Hospiz der Stiftung hinzugekommen.

Für die Gäste im Hospiz ist der Dorfladen noch so viel mehr als ein Ort der Begegnung. „Es gibt hier eine Post. Ich könnte Briefe verschicken“, erklärt Elfriede Pohl, „ich kann mir, wenn ich Lust habe, einfach den Saft kaufen, den ich mag oder eine Duschcreme. Ich bin ein Stück weit selbstständig. Es ist ein wenig wie früher.“ Ein wenig wie früher und doch ganz anders.

Denn keiner weiß, ob Elfriede Pohl auch morgen noch zum Einkaufen rüberkommt. „Das könnte einen schon traurig machen, aber wenn sie zur Tür hereingerollt kommt, geht es ihr gut. Also freuen wir uns“, sagt Petra Traub. Sie weiß auch, dass sie Hilfe nur anzubieten braucht, wenn es wirklich nicht alleine geht. „Sie sieht hier mal was anders, riecht frisches Brot oder Obst und kann kurz abschalten.“


„Unser Hospiz ist ein Haus des Lebens. Es wird oft gelacht. Unsere Gäste erleben eine lebensbejahende Atmosphäre.”
Pflegeleitung Helga Schmid, im Maja-Fischer-Hospiz im Samariterstift Ebnat

Wenn doch nur noch mehr als Riechen ginge! „Ich möchte gern mal wieder ein Schnitzel mit Spätzle und Soße essen“, verrät Elfriede Pohl. Aber der Magen will fast nichts mehr bei sich behalten. Joghurt aber geht. Wenn er dann noch so fruchtig schmeckt, wie der im Dorfladen, dann ist das fast wie Kirschenessen im Sommer. „Wenn da Kirsche draufsteht, ist auch Kirsche drin. Er wird in einer kleinen regionalen Molkerei gemacht.“

Auch auf der Bank im Ort ist Elfriede Pohl schon gewesen. „Es ist so toll für mich, dass ich noch was alleine machen kann. Ich weiß, dass es nach und nach weniger werden wird, aber ich wünsche mir, dass ich so lange wie möglich bei Sinnen bleiben kann.“ Das wünschen ihr die Damen vom Dorfladen auch. Sie wissen aber, dass Elfriede Pohl da drüben im Hospiz in jeder Situation gut aufgehoben sein wird. „Wenn der Laden abends abgeschlossen ist, und ich am Hospiz vorbeifahre, brennt dort eine orange-rot-gelb leuchtende Wärmelampe. Das sieht selbst durch die Gardine so ruhig und tröstlich aus, dass ich immer ganz selig werde“, erzählt Petra Traub. Selig, ruhig oder aufgehoben, für Elfriede Pohl steht fest: „Das, was jetzt mein Leben ist und was mir noch bleibt, ist sehr viel entspannter, seit ich hier sein darf.“