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11.05.18 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Ein Herz, eine Seele und vier Pfoten


Katharina Oelkuch lebt mit Hündin Suri im Hospiz in Ebnat und schenkt allen Lebensfreude

Vorsichtig, fast still, drückt Suri ihren Kopf an Katharina Oelkuchs Knie. Es scheint, als wisse die elfjährige Hündin, dass ihr Frauchen schwach und zerbrechlich ist. Katharina Oelkuch sitzt im Rollstuhl, trägt einen Sauerstoffschlauch in der Nase und wiegt 39 Kilogramm. Frau und Hund leben seit Ende November im Hospiz in Ebnat, wohlwissend, dass ihre gemeinsame Zeit zu Ende geht.

Die 52jährige und ihre Suri sind ein Herz und eine Seele. „Da, wo ich bin, geht es auch Suri gut“, versichert Katharina Oelkuch. Die Labrador und Border-Collie-Mischlings-Hündin kam schon als Hundebaby zu ihrem Frauchen. „Sie ist total auf mich fi xiert“, sagt Katharina Oelkuch. Doch, wer die beiden sieht, weiß: umgekehrt ist es genauso. „Suri gehorcht besser, als manches Kind. Das liegt daran, dass ich sie vier Jahre lang trainiert und erzogen habe“, sagt die gelernte Bäckereifachverkäuferin und möchte lachen. Das Lachen bleibt auf schmalen Lippen hängen. Nur angestrengtes Schnaufen ist zu hören.

Katharina Oelkuch hat bereits Zeit ihres Lebens Probleme mit den Bronchien und der Lunge. Seit ein paar Jahren gibt es jetzt einen Fachausdruck für die Krankheit, die immer mehr Lebenskraft kostet. „COPD“ ist englisch und steht für chronic obstructive pulmonary disease. „Obstruktiv“ steht für eine Verengung der Atemwege. Zwar wird Rauchen als Hauptursache für die Erkrankung genannt, doch Katharina Oelkuchs Lunge und Atemwege sind von haarfeinen Tefl on- und Glaswolle-Fasern zerstört. Sie hat in entsprechenden Fabriken gearbeitet. Immer wieder gab es Lungen-Operationen in der Klinik.

Nach der letzten OP stand fest: nach Hause geht es nicht mehr. „Ich habe mich dort auch nicht mehr wohlgefühlt. Alles war beschwerlich. Überall unüberwind-bare Hindernisse. Mein Mann und meine Tochter lebten in ständiger Angst, wie sie mich vorfi nden, wenn sie von der Arbeit oder vom Einkaufen nach Hause kommen“, erzählt sie. Die Kirchenpfl egerin, die sie während der Krankheit begleitet, hat ihr dann mehrere Hospize vorgeschlagen.

„An Ebnat hat mir gefallen, dass es klein ist. Und: hier hat man mir gesagt, dass ich Suri mitbringen darf. Ohne sie wäre ich nirgendwo hingegangen.“ „Wir haben nicht über Hygienebedenken diskutiert. Wir haben das Seelenheil gesehen, dass Suri bedeutet und deswegen sofort zu beiden Ja gesagt“, erzählt Helga Schmid, Hospizleitung.

Es gibt wenige Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragbar sind. Normale, gute Hygiene reicht, um sich zu schützen. „Suri kam hier an, sah ihren Platz, hat sich da hingelegt und seither ist alles gut“, sagt Suris Frauchen. Ja, alles ist gut! Suri war da, als die Mitbewohnerin von Weinkrämpfen geschüttelt in ihrem Rollstuhl krampfte.

Menschen konnten nicht beruhigen. Suri hat es geschafft. Sie spürt, wenn die Menschen um sie herum Unterstützung brauchen. „Sie ist ein Engel auf vier Pfoten“, Corina Meyer, Alltagsbegleiterin, die vorne in der offenen Küche neben dem Gemeinschaftsraum arbeitet. Katharina Oelkuch selbst ist zwischenzeitlich zu schwach, um mit Suri spazieren zu gehen. Mitarbeiter des Hospizes haben im ganzen Ort Zettel aufgehängt, dass ehrenamtliche Gassi-Geher gesucht werden. Jetzt gibt es eine Whats App-Gruppe, die sich die Spaziergänge aufteilt.

„Seit ich hier sein darf, ist mein Leben ruhig, gelöst. Ich vermisse mein ehemaliges zu Hause nicht. Ich darf hier sein, wie ich bin. Auch wenn es mir schlecht geht. Ich brauche mir keine Sorgen machen, dass andere meinetwegen Ängste haben.“ Katharina Oelkuch sitzt in ihrem Rollstuhl mit einer dicken Decke über den Knien in der ersten Frühlingssonne. „Das tut gut. Sie hat schon so viel Kraft.“ Ja, die Sonnenkraft nimmt in diesen Tagen beständig zu, Katharina Oelkuchs dagegen stetig ab. „Wie schön es hier im Sommer sein wird. Draußen werden Tische und Stühle stehen und Blumen sein. Ich würde es gern noch sehen.

Ich würde gern nochmal mit Suri übers freie Feld spazieren gehen.“ Suri reibt ihre Schnauze an der Decke über den Knien. Sie spürt die Wehmut in der Stimme ihres Frauchens. „Sie weiß, was am Ende kommt“, sagt Katharina Oelkuch. Zweimal hat die Hündin in der Hospiz-Zeit miterlebt, wie jemand gestorben ist. Beim ersten Mal war sie ziemlich irritiert. „Sie hat sich auf unser Zimmer zurückgezogen und dort getrauert.“ Beim zweiten Mal, war sie dabei, als der Verstorbene aus dem Haus getragen wurde. „Ich denke, sie hat ihre Seelenarbeit schon geleistet. Sie weiß, was es bedeutet, wenn ich gestorben bin.“

Das bedeutet, dass eine einzigartige, tiefe Seelenverbindung hier in der alltäglichen Welt zu Ende gegangen ist. Suri, wird dabei neben Katharina Oelkuch liegen, so wie immer, wenn es der zarten Frau schlecht geht. Sie werden auf einer tieferen Schicht unseres Seins ohne Worte miteinander verbunden sein. „Ich denk mir, wenn ich dann nicht mehr bin, wird Suri mir folgen.“

Jetzt dreht Katharina Oelkuch fast schon energisch den Kopf in die Sonne und sagt: „Aber bis dahin wollen wir noch viel gemeinsam lachen. Hier haben wir alle so viel Freude miteinander.“ „Suri zeigt uns, dass sterben leben bis zuletzt ist. Selbst, wenn der Körper immer schwächer wird, kann die Seele mit Suris Hilfe noch gesunden. Im Hospiz werden lebende Menschen gepfl egt und nicht Sterbende versorgt “, sagt Helga Schmid, Hospizleitung.