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27.03.18 - Kategorie: Panoramaklinik

Kunst kann helfen


Panoramaklinik in Esslingen versorgt seit 20 Jahren tagsüber Menschen, die psychisch erkrankt sind

Es war ein stimmiges Jubiläum: Kein Tag der offenen Tür, keine Jubiläumsreden. Die Panoramaklinik in Esslingen ist 20 Jahre alt, und es gab einen Vormittag mit Fachvorträgen, die sich alle mit dem Wohl der Patienteninnen und Patienten befassten. Über „traumatherapeutische Konzepte in der Kunsttherapie“ berichtete Diplom-Kunsttherapeutin Barbara Gromes.

Sie zeigte in ihrem Vortrag wie tief sich seelische Befindlichkeiten mit Hilfe von Kunst darstellen lassen und verständlicher werden. Professor Dr. Martin Sack, medizinischer Leiter der Sektion Traumafolgestörungen der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar, referierte über individuelle Behandlungszeile und komplexe Störungsbilder. Die Panoramaklinik, Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, ist ein Krankenhaus mit 30 teilstationären Plätzen, einer psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) und einem ambulanten Ergotherapieangebot. 

Das Besondere an einer Tagesklinik-Behandlung ist der tägliche Wechsel zwischen Krankenhaus und dem persönlichen Zuhause, also der vertrauten Umgebung. Wie Berufstätige zur Arbeit, kommen die erkrankten Menschen morgens in die Klinik und gehen abends wieder heim, Sie wohnen also zu Hause und nehmen weiter an ihrem persönlichen Leben teil. „Aber eine Tagesklinik ist nicht die Minus-Variante einer vollstationären Klinik“, verdeutlichte Dr. Peter Czisch, Leiter der Tageskliniken in Esslingen und Nürtingen. Vielmehr vermittle die notwendige dynamische Nähe-Distanz-Regulation auch ein gutes Gefühl von Kompetenz. „Es gibt Fälle, da ist die Struktur einer Tagesklinik das einzig Sinnvolle, was getan werden kann. Die vollstationäre Betreuung wäre ein Zuviel und würde Enge erzeugen.“ In der Panoramaklinik sei die Kunsttherapie nicht einfach nur ein Angebot, sondern sie sei „integraler Bestandteil“ des therapeutischen Angebotes. Jeder Patient habe seinen zuständigen Kunsttherapeuten, der Teil des Behandlungssteuernden Teams ist. „Kunsttherapie ist eine wesentliche mitbeobachtende und mitbehandelnde Instanz.“

Tagesklinische Behandlung gibt es seit Mitte der dreißiger Jahre. Die erste Tagesklinik wurde in der Sowjetunion in Zeiten großer Not als preiswerte Variante zur klinischen Behandlung konzipiert. In Deutschland fand diese Behandlungsform zunächst keinen Anklang. Dies änderte sich mit der Enquete zur Lage der Psychiatrie in Deutschland 1975. Es entstand eine Entwicklung „weg von der psychiatrischen Großklinik hin zur psychiatrischen Abteilung am Allgemeinkrankenhaus“. Die Tagesklinik wurde ein Teil regionaler Pflichtversorgung. Diese Entwicklung, begann Anfang der 80er Jahre und ist noch nicht abgeschlossen. Zunächst attraktiv weil weniger personalintensiv, wurden Tageskliniken bald ein Element der Gemeindepsychiatrie und waren konzeptionell erwünscht.

Heute wird nicht mehr der „Wert“ von Tageskliniken für den Behandlungserfolg diskutiert, sondern eher die Frage, ob tagesklinische Behandlung weiter ausgedehnt werden kann. „Mit dem Angebot der Tagesklinik in Nürtingen waren wir 1984 die ersten im Landkreis Nürtingen“, erinnerte sich Jürgen Schlepckow, Vorstandsmitglied der Samariterstiftung, „ die Tageskliniken der Samariterstiftung sind die grünen Tupfer auf der Landkarte des Landkreises Esslingen. Davon könnten wir sicher noch mehr gebrauchen“, spielte er auf das Grün als Unternehmensfarbe der Samariterstiftung an. Aufgabe der Panoramaklinik sei es, Menschen zu helfen sich selbst wieder zu finden, so das Vorstandsmitglied. Doch genau dies stelle etliche Menschen vor schwere Probleme. Sie hätten Schwierigkeiten, Beziehungen einzugehen, auch eine gute Beziehung zu sich selbst. „Es wird schwierig, wenn alle Bereiche des Lebens von dieser Unfähigkeit beeinträchtigt sind. Es muss einen Bereich geben, wo das Floß schwimmt“, sagte Barbara Gromes, Diplom Kunsttherapeutin. Anhand eines konkreten Fallbeispiels stellte sie die künstlerischen Ausgestaltungen vor, die im Verlauf eines halben Jahres in den therapeutischen Sitzungen entstanden sind. Diese zeigten sehr anschaulich, wie es um das Seelenleben der Patient bestellt war. „Es brauchte gar keiner großen Worte. Ich enthielt mich sämtlicher Deutungen und habe nur zugehört“, erzählte die Kunsttherapeutin. Selbst nach einem erschütternden Flashback plus dissoziativen Dämmerzustands war die Patientin über das kunsttherapeutische Angebot noch erreichbar.

Professor Dr. Martin Sack erläuterte, wie komplex bestimmte Störungsbilder aussehen können. Bekannt sei, dass Menschen, welche die Grenzen anderer verletzen und Gewalt ausüben, in der Regel selbst Opfer körperlicher Gewalt geworden seien. Die massive Bedrohung des Sicherheitsgefühls könne zur Entwicklung von Traumafolgestörungen führen, welche durch ein breites Symptomspektrum im psychischen und körperlichen Bereich gekennzeichnet sind. Hierzu zählen typischerweise Gefühle der Entfremdung – von sich selbst und von Anderen, eine gestörte Beziehungsgestaltung sowie eine unzureichende Selbstwahrnehmung. Psychotherapie in der Tagesklinik ziele auf eine Reduktion der Traumafolgesymptomatik und helfe bei der Verarbeitung belastender Erinnerungen. 

Bei Opfern von vorsätzlich ausgeübter Gewalt in der Kindheit sei es darüber hinaus wichtig, eigene täterhafte Seiten in den Blick zu nehmen und sich mit Gewaltphantasien oder aggressiven Emotionen (oder deren völligem Fehlen) auseinanderzusetzen. Anhand von Fallgeschichten stellte Professor Sack sehr anschaulich und differenziert die Chancen, Schwierigkeiten und Grenzen der therapeutischen Arbeit mit Gewaltopfern dar.