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20.03.18 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung, Samariterstift Grafeneck

Die Seele wird gern gut gefüttert


Kochkurs für Menschen mit Behinderung in der Werkstatt an der Schanz in Münsingen

Soul-Food, Kochen für die Seele, ist der Megatrend sämtlicher Rezeptmagazine, die derzeit so in den Regalen liegen. Doch außer hippen Zutaten freut die Seele noch etwas ganz anderes: Wenn der Kochlöffel geschwungen wird. Bei einer Kochtherapie, die vergleichbar ist mit anderen kreativen Therapieverfahren wie Musik- und Kunsttherapie, wird das Essen wortwörtlich als Medizin betrachtet. 

In der Werkstatt an der Schanz in Münsingen gibt es seit Neuestem solch eine Kochgruppe. Das Koch -Angebot läuft in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung als Bildungsmaßnahme. „Beim Kochen kann jeder den unmittelbaren Nutzen von dem erkennen, was er eben gemacht hat. Das gibt richtig Antrieb" sagt Tina Pfister, begleitender Dienst. Wenn die Kässpätzle, gekrönt von einer leckeren Käsekruste, aus dem Ofen kommen, dann hat sich selbst das aufwändige Drücken der Spätzlespresse gelohnt. 

Verhaltensaktivierung nennen Therapeuten dies. Es freut sie, dass Menschen damit eine effektive Möglichkeit geboten werden kann um zu lernen, wie Probleme angegangen und gelöst werden können. „Einen Riesenspaß“, nennt es Pauline Nisch und liest vor, was alles für Zutaten für das Himbeerdessert gebraucht werden. Gegenüber schält Willi Washington die Gurken für den Salat zu den Kässpatzen. Er muss ein paar Anläufe nehmen, bevor es gelingt, denn der zweischneidige Gurkenschäler ist gar nicht so einfach zu bedienen – erst recht nicht, wenn man Linkshänder ist. Tanja Pukowski aus der Verteilerküche der Werkstatt unterstützt die Gruppe, die sich vor kurzem zum ersten Mal getroffen hat. „Wir wollen ausprobieren, wie das Angebot ankommt“, sagt Tina Pfisterer. 

Doch es gibt kaum einen Zweifel daran, dass sich die Kochgruppe künftig zu regelmäßigen Terminen treffen wird. „Wir haben schon eine lange Liste mit Namen, die alle gern mitkochen wollen“, erzählt sie. Dabei wird die Kochgruppe bewusst klein gehalten. So kann auf alle Bedürfnisse persönlich eingegangen werden. Magadalena Schlenker will zum Beispiel ganz genau wissen, welche Blätter in die Salatschüssel dürfen und welche nicht. Sie ist sich da sehr unsicher. „Das Kochen soll Sicherheit und Wohlfühlen vermitteln, das Selbstbewusstsein stärken und zeigen, dass auch Menschen mit Behinderung alltägliche Probleme lösen können“, erklärt Tina Pfisterer. „Der Teig war ein bissle schwer, aber wir haben alle drücken müssen, und es hat geklappt“, berichtet Magdalena Schlenker Kochen, gutes Essen und leckerer Genuss, das lässt Menschen emotional ausgeglichener werden. 

Beim Schneiden, Putzen und Hobeln wird geredet, im Team gearbeitet und Verantwortung übernommen. Dieses Angebot kombiniert emotionales Wohlbefinden mit einem sehr praktischen, greifbaren Bedürfnis, das wir alle haben: Wir alle müssen essen. Beim Kochen geht es um eine ganzheitliche Wahrnehmung. Wer kocht, muss achtsam sein, sich genau jetzt auf das konzentrieren, was in diesem Moment zu tun ist. Im Leben und auch beim Kochen, ist es wichtig, ein Gleichgewicht zu finden: Man muss ein paar Schritte vorausdenken, sich aber auch auf das konzentrieren, was in genau diesem Moment vor einem ist. Und da stehen jetzt die dampfenden Kässpätzle und daneben der gemischte frische Salat. Guten Appetit!