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09.10.17 - Kategorie: Samariterstift Obersontheim

Stille lässt sich fühlen


Pater Anselm Grün spricht in Schwäbisch Hall über die Kraft des Schweigens.

Stille, absolute Stille. Würde jetzt im Neubausaal in Schwäbisch Hall eine Nadel zu Boden fallen, wäre ein ohrenbetäubender Lärm zu hören, kaum zu glauben! Hier stehen 350 Menschen und schweigen. Stille im Saal und Stille in ihnen. Die Stille ist leicht, sie erdrückt niemand, sie lässt Raum, damit danach wieder Gespräche beginnen können.
Das, genau das meint Pater Anselm Grün mit seinem Vortrag „Achtsam sprechen und kraftvoll schweigen“, zu dem der Freundeskreis Samariterstift Obersontheim nach Schwäbisch Hall eingeladen hat. In dieser Stille liegt Kraft, und die Menschen finden in dieser Stille in ihre Mitte. Der Erlös aus dem Kartenverkauf kommt der Arbeit des Freundeskreises zugute. Er unterstützt dort, wo die Hilfen der öffentlichen Hand enden und fördert verschiedene Projekte, die mehr Lebensqualität für die psychisch kranke Menschen bedeuten.

„Ich bin seit vielen Jahren ein Fan von Pater Anselm Grün“, sagt Ilse Weimann. Die Rentnerin hat erst am Mittag in der Göppinger Zeitung vom Vortrag in Hall gelesen und sich spontan am Abend auf den Weg gemacht. „Als ich noch mit der S-Bahn morgens zur Arbeit gefahren bin, hatte ich immer ein Büchle von ihm dabei. Darin habe ich gelesen und so Abstand und Ruhe gefunden.“ Das ist es, was Pater Anselms Schriften und Begleittexte für viele Menschen bedeuten, und warum so viele gern der Einladung des Freundeskreises gefolgt sind.
Pater Anselm der Benediktinermönch aus der Abtei Münsterschwarzach wählt Worte, die die Herzen berühren und findet eine Sprache, die innehalten lässt. „Mögen meine Worte Sie begleiten und zur Ruhe kommen lassen“, wünscht sich der 72jährige. „Pater Anselm Grün ist ein zutiefst christlich verwurzelter Mensch“, sagt Matthias Schmidt, Vorsitzender des Freundeskreises. Aber die Worte des Mönches kommen nicht belehrend oder moralisierend daher. Pater Anselm Grün zitiert Bibelstellen und macht sie den Zuhörerinnen und Zuhörern im wahren Wortsinn be-greifbar.

Er benennt die ersten Worte des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort…“ und beschreibt, dass mit Worten etwas geschaffen werden kann. „Wer stets nörgelt, schafft eine vergiftete Atmosphäre.“ Ein Baum können zwar ein Baum sein, doch erst, wenn ein Wort dafür gefunden worden sei, könne jeder verstehen, was ein ‚Baum‘ sei. Für den Pater vermitteln Worte Leben und erhellen es.
Dann erzählt Pater Anselm Grün die Heilung des Taubstummen, ebenfalls aus dem Johannes-Evangelium. Besonders wichtig ist ihm die Stelle, als Jesus seufzt. „Hier bringt Jesus den Schmerz und Kummer zum Ausdruck, den sein Gegenüber fühlt und selbst nicht sagen kann.“ Darum gehe es, wenn wir miteinander sprechen: in den anderen einfühlen, damit Beziehungen möglich werden, und wir Vertrauen zueinander aufbauen. Wer im Gespräch moralisiere, pathologisiere oder unpersönlich bleibe, müsse sich nicht wundern, wenn es kein Gespräch gibt.

Sprechen ist für den Mönch übrigens etwas völlig anderes als Reden oder Sagen. Wer sagt, gibt dem Zuhörenden die Freiheit zu entscheiden, was dieser hören will. Wer etwas zu bereden hat, vermittelt dem Gegenüber das Gefühl, es sei ein Fehler passiert, über den geurteilt werden soll. Ein Gespräch geschehe hingegen aus dem Herzen heraus.
Sprechen könnten wir nur über Erfahrungen, über Geheimnisse oder über Gehörtes. Auch beim Fragen unterscheidet Pater Anselm Grün. Ein Gespräch komme nur in Gang, wenn nicht ausgefragt, befragt oder hinterfragt werde. Das Wort ‚Frage‘ komme von Furche, und so will er eine Frage gleichsam als Fährte sehen, in die ein Samen ausgesät werden kann.

Zum Zuhören gehört für ihn auch Schweigen. Wer schweigen könne, gestatte sich selbst einen inneren Raum der Stille. Den Raum, wo keine verletzenden Worte von außen mehr ankommen. „Wir brauchen den Raum der Stille in uns, um unserer eigenen Weisheit wieder vertrauen zu können.“ Anselm Grün ist sich sicher, dass „eine kalte Sprache lähmt“. Dabei sei es unerheblich, ob laut gesprochen werde oder hinten rum. „Die Menschen spüren, wie über sie gesprochen wird. Wenn jemand ständig über andere schlecht spricht, dann wirkt er selbst auch kalt.“
Überhaupt sei an der derzeit modernen „Empörungskultur“ wenig Gutes zu finden. „Wer sich empört, erhebt sich über andere, bewertet sie und schaut auf sie herab. So kann kein Dialog entstehen. Erst wenn der vermeintliche Fehler des Anderen als Spiegel für einen selbst gesehen wird, kann ein Gespräch entstehen.“

Gegen alle verletzenden Worte setzt Pater Anselm Grün die Kraft der heilenden Worte. Er nennt sie auch „Wirkworte“. Welches die persönlichen „Wirkworte“ sind, hängt von der jeweiligen Lebensgeschichte ab.
Auch in diesem Zusammenhang zitiert er eine Bibelstelle „Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden (2Kor 5,17; LUT)“ und verdeutlicht damit, dass wir uns mit unserer Vergangenheit versöhnen können. Versöhnen mit uns, geschieht am besten in unserem persönlichen, innersten Raum der Stille. Und so spricht Pater Anselm ein 1600 Jahre altes Abend-Gebet und 350 Menschen stehen dazu auf, kreuzen ihre Arme vor dem Herzraum und finden in der Stille zu sich.