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19.10.17 - Kategorie: Samariterstift Grafeneck

Leben außerhalb der Norm nicht geduldet


Fast schon sommerliche Temperaturen: „Ein wunderschöner Sonntagnachmittag an dem kaum vorstellbar ist, was 1940 hier geschah“, sagte Mike Münzing bei der Gedenkfeier in Grafeneck – am „Ort des Grauens, des Schreckens und der Unmenschlichkeit“, wie es Dekan Marcus Keinath formulierte.

Von Grafeneck war die Rede, jenem Ort, an dem vor mittlerweile 77 Jahren insgesamt mehr als 10 000 Menschen ermordet wurden.

Wachsamkeit gefordert

Dabei war und ist nach den Worten von Pfarrer Frank Wößner „Grafeneck doch ein Lebensort, an dem Menschen Menschen begleiten“, wie der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung in seinem Begrüßungswort zu der Gedenkfeier am Sonntagnachmittag anmerkte. „Seit rund 90 Jahren gehören Grafeneck und die Samariterstiftung zusammen, es ging immer darum, dass sich Menschen anderen Menschen zuwenden – nur ein Jahr war das anders“, so Wößner. 1940 habe man deutlich gesehen, „wie Menschen auch mit Menschen umgehen können, als nämlich Leben für unwert erklärt wurde, weil Menschen anders waren, nicht der Norm entsprachen und hier ­­damals 10 654 Leben ausgelöscht wurden“. Wie man sehe, sei „der Grat zwischen Menschlichem und Unmenschlichem sehr schmal“, betonte der Pfarrer.

Auch deshalb sei heute wieder dringend erforderlich, wachsam zu sein, „wenn wir Menschen begegnen, die anders sind – behindert, geflüchtet, alt, krank“, betonte Markus Mörike. Der Leiter des Samariterstifts Grafeneck rief dazu auf, den eigenen Horizont zu erweitern, durch Begegnung, durch Kontakte. Grafeneck wurde „zur Ausgeburt der Hölle, als vor 77 Jahren hier unfassbar vielen Menschen das Lebensrecht genommen wurde“, betonte Keinath in seiner Predigt. Eine „teuflische Inszenierung“ sei das gewesen, als die Nationalsozialisten sich das Recht nahmen, „gottgleich über andere Menschen zu urteilen – da wurden alle Maßstäbe der Menschen pervertiert“, so Keinath.

Täter keine „Höllenhunde“

Münsingens Bürgermeister und Vorsitzender des Vereins der Gedenkstätte Grafeneck, Mike Münzing, betonte allerdings: „1933 brach nicht die Apokalypse über die Menschen herein und es waren auch keine Höllenhunde, die jene Taten in Grafeneck begangen haben – es waren Nachbarn, Mitmenschen.“ Obwohl das Wort „Mitmenschen“ in diesem Zusammenhang schwer über die Lippen komme.

Einige Gäste waren am Sonntag in Grafeneck wieder zusammengekommen, „um heute hier der Opfer zu gedenken“, so Münzing. „Dabei gilt es, uns jeden Tag bewusst zu machen, wie wir mit uns selbst und mit anderen Menschen umgehen“, betonte Mike Münzing weiter.

Viele Tausend Besucher seien auch dieses Jahr wieder nach Grafeneck gekommen, die meisten seien „nicht so weggegangen, wie sie gekommen sind“. Denn gerade an diesem Ort gelte es, daran zu denken, „dass wir jeden Tag Opfer sein können, aber auch Täter“.