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19.10.17 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung, Samariterstift Obersontheim

Kalte Sprache in Unternehmen


Pater Anselm Grün referiert im fast ausverkauften Neubau-Saal zum Thema „Achtsam sprechen – kraftvoll schweigen“.

Wenn knapp 500 Menschen in einem Raum stehen, die Augen schließen und schweigen, dann hat Anselm Grün seine Finger im Spiel.

Der Pater, der seit 1976 rund 200 Bücher geschrieben hat, ist am Mittwochabend im Haller Neubau-Saal zu Gast. Eingeladen wurde er vom Freundeskreis des Samariterstifts in Obersontheim. Seinen einstündigen Vortrag über die Sprache schließt er, indem er seinen Zuhörern ein Ritual anbietet, das ihnen helfen soll, zu ihrem inneren Raum zu gelangen.

Dort, wo Stille ist, wo das Reden aufhört, wo man inmitten des Lebenstrubels zu sich kommen kann. Beide Hände im Kreuz auf Brusthöhe gelegt, regt der Pater dazu an, sich mit allem, was dazugehört, im Geiste zu umarmen, inklusive seiner negativen Eigenschaften.

„Ich halte nur Vorträge vor Menschen, die an mich glauben“, sagt Anselm Grün. Im Publikum sitzen mehr Frauen als Männer, mehr über als unter 50-Jährige. Bestimmt glauben sie an ihn, aber nicht alle sind nach dem Abend so erfüllt, wie sie gehofft hatten. Zwei Frauen zeigen sich enttäuscht, sie hätten ihn schon anders erlebt. „Er hat heute nicht meine Sprache gesprochen“, sagt eine. In der Reihe hinter ihr sei jemand eingeschlafen. Eine andere Zuhörerin zeigt sich begeistert, hat sich Geld bei der Freundin geliehen, um sich noch im Neubau-Saal ein Buch kaufen zu können.

Über die Empörungsgesellschaft

Leichte Unterhaltung bietet Anselm Grün nicht. Ohne Umschweife und Begrüßungsworte steigt er in sein Thema ein. Der Mann mit dem weißen Rauschebart nimmt sich Aspekte der Sprachwissenschaft und die Sprache der Bibel vor.

Nach einem etwas trockenen Teil geht es um seine persönlichen Beobachtungen. Unsere Gesellschaft habe eine Empörungskultur entwickelt. Er werde häufig von Medien gebeten, sich zu einem prominenten Menschen zu äußern. „Weil die Leute sich empören wollen. Das mache ich nicht.“

Der Pater und Coach berichtet, dass er sich Vorwürfe machte, wenn er bei einem Beratungsgespräch müde wurde. Man sagte ihm, das sei nicht sein Problem. Vielmehr würde der andere am Thema vorbeireden.

Zu einem guten Gespräch gehöre es, Erfahrenes zu äußern, offen zu sein. Man müsse zuhören, was, wie Grün sagt, in Talkshows heute niemand mehr täte. Und man müsse Fragen stellen, um dem anderen die Möglichkeit zu geben, noch mehr zu erzählen. Das Wort „Frage“ komme von „Furche“ – „eine Furche in den Acker des anderen ziehen“.

Besonders aufmerksam wird das Publikum immer dann, wenn Grün über persönliche Erfahrungen spricht. Mit „Ich kannte mal eine…“ und „Ich war mal in einer Firma…“ beginnen seine Beispiele. So hat er erlebt, dass in Unternehmen, die er als Coach besuchte, eine kalte Sprache gesprochen wird. Sie spiegle Aggressionen wieder. Diese Sprache tue uns Menschen nicht gut, weil sie verletzen könne. Jesus’ Sprache dagegen sei warm gewesen.

Auch in E-Mails habe er beobachtet, dass die Sprache nicht nur kalt sein, sondern auch in die Irre führen kann. Oft sei sie kontrollierend oder klinge schlicht schlimmer als das, was der Absender sagen wolle.

Grün berichtet, wie in einer Firma angeordnet wurde, innerhalb der einzelnen Stockwerke keine Mails mehr zu versenden, sondern das persönliche Gespräch zu suchen.

Der Mann im schwarzen Gewand steht hinter dem weiß abgehangenen Pult. Mal liegen seine Unterarme rechts und links am Rand, dann wieder heben sich seine feingliedrigen Hände sanft in die Höhe. Der 72-Jährige spricht ohne Textblatt, er reiht immer neue Aspekte aneinander. Für den einen ist das höchst interessant, für den anderen ermüdend.

Quelle: Haller Tagblatt