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18.10.17 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

Die Pflege der Zukunft ist flexibel


Zukunftswerkstatt der Samariterstiftung beschäftigt sich kreativ mit möglichen Versorgungs- und Wohnmodellen

Die Pflege steht in Deutschland in den kommenden Jahren vor dramatischen Veränderungen. Gesellschaftsübergreifende Entwicklungen wie demographischer Wandel und fehlendes Pflegepersonal sind nur zwei der vielen Faktoren, die zu einem Umdenken im Handeln zwingen. Doch wie sich der Situation stellen? Wie die richtigen Handlungsoptionen finden und sicherere Entscheidungen für die Samariterstiftung treffen? Vor diesem Hintergrund hat die Samariterstiftung die „Zukunftswerkstatt Altenhilfe und Pflege“ veranstaltet.

 Den Impulsvortrag hielt Professor Bertram Häussler, Vorsitzender der Geschäftsführung des IGES Instituts und Honorarprofessor an der TU Berlin. Häussler ist Mediziner und Soziologe und leitet zudem das Partnerunternehmen CSG (für klinische Forschung). Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie, Nutzenbewertung und Arzneimittelentwicklung im nationalen und internationalen Kontext. Thema seines Vortrags: „Was wünschen sich Menschen für die Versorgung im Alter“. Um die Frage fundiert beantworten zu können, stellte der Wissenschaftler die ersten Ergebnisse und Erkenntnisse seines Projektes „Quartierentwicklung am Beispiel der Gemeinde Neckartailfingen“ vor.

„Wer seine Zukunft nicht aktiv steuert, steuert in eine ungewisse Zukunft“ – dieses Zitat ist für die Samariterstiftung gleichsam Programm, und deshalb hat sie sich in der Zukunftswerkstatt, eine Veranstaltung an der sowohl Vertreter der Altenhilfe sowie der Eingliederungshilfe teilnahmen, konstruktive Gedanken gemacht. Dieses Zukunftsdenken ist in den strategischen Handlungsfeldern der Samariterstiftung festgeschrieben. Es ist erklärtes Ziel, „Potenziale zur mittelfristigen, strategischen Angebotsentwicklung für alle Regionen auszuarbeiten und zu entwickeln. „Deshalb sind wir auch im Ideenwettbewerb des Landes Baden-Württemberg „Quartier 2020“ mit vier Anträgen beteiligt“, berichtet Dr. Eberhard Goll, Vorstand der Samariterstiftung.

Außerdem beteilige sich die Stiftung im Song-Netzwerk aktiv an der Gestaltung der Zukunft für ein gelingendes Altern. Das Netzwerk SONG (SOziales Neu Gestalten) ist eine Arbeitsgemeinschaft der Stiftung Liebenau, der Bremer Heimstiftung, der CBT Caritas Betriebsführungs- und Trägergesellschaft, des Evangelischen Johanneswerks, der Bank für Sozialwirtschaft und des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) und will Innovationen in der sozialen Stadtentwicklung gemeinsam schneller voranbringen.

Für die vielschichtige Aufgabe der Zukunftsgestaltung hat die Samariterstiftung die Form eine „Werkstatt“ gewählt, damit möglichst viele Facetten der Betrachtung geübt werden können. „Das regt die Phantasie an“, war sich Barbara Lauffer-Spindler, Leitung im Referat Altenhilfe und Pflege, sicher. Sie moderierte den Tag und stellte die vier Workshops vor, von denen die Werkstattteilnehmer jeweils drei ausgesuchte konkret kennenlernen konnten. Dazu gehörten das Walzbachtaler Modell aus Bad Kissingen, bei dem es darum geht, Case Management und Technik intelligent als dienendes Element zur Unterstützung bei gelungener Rund-um-die-Uhr-Betreuung einzusetzen. Als zweites Modell wurde das Maja-Fischer-Hospiz in Ebnat vorgestellt.

In dieser Einrichtung im Haus des Samariterstiftes Ebnat, können acht Menschen in Achtsamkeit und Würde ihre letzten Tage und Stunden verbringen. Vorgestellt wurde auch das Quartierprojekt in Oberteuringen. In den Lebensräumen für Jung und Alt wird sowohl auf professionelle Dienstleistungen als auch auf aktive Nachbarschafts-, Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung gesetzt. Sollten nachbarschaftliche Hilfen nicht mehr ausreichen, können jederzeit professionelle Hilfen in Anspruch genommen werden. Schließlich wurden Einblicke in das Projekt „Wohnen plus“ der Evangelischen Heimstiftung gewährt. 

WohnenPLUS verbindet das selbstbestimmte Leben in der eigenen Wohnung mit der Versorgungssicherheit einer konventionellen Pflegeeinrichtung durch Angebote wie z. B. Tagespflege und Pflege-Wohngemeinschaften. Doch bevor es in die Workshops ging, bot Professor Bertram Häussler mit seinem Impulsvortrag einige überlegenswerte Aspekte an. Der gebürtige Neckartailfinger hatte in seiner Geburtsstadt eine Umfrage vorgenommen, um genaue Angaben darüber zu ermitteln, wie alte Menschen eigentlich tatsächlich leben und betreut sein wollen. Von den knapp 1000 Einwohnern der Gemeinde seien etwa 25 Prozent sogenannte „Senioren“ und älter als 80 Jahre. Bis in 15 Jahren, so Häussler, habe sich die Zahl um 400 erhöht. Doch noch mehr als die Zahlen interessierte sich Häussler für die Emotionen. So gaben die Befragten mehrheitlich an, sich sehr große Sorgen darüber zu machen, dass sie sich irgendwann nicht mehr alleine pflegen können. Auch, dass sie unbemerkt irgendwo hilflos liegen könnten, beunruhigte sie sehr, Weit weniger sorgenvoll betrachteten die Befragten die Umstände, ob sie im Alter noch viel Besuch erhalten oder ob sie einer traurigen Stimmung ausgesetzt seien.

Die Befragten machten sich außerdem Gedanken darüber, welche Veränderungen eintreten müssten, damit sie sorgenfreier ins Alter gehen können. Dabei arrangierte auf Platz eins aller Antworten, dass sie gern automatisch gefunden werden würden, wenn sie gestürzt sind. Außerdem wünschten sie sich eine medizinische Versorgung in den eigenen vier Wänden. Sie gehen nicht gern ins Krankenhaus. Zudem möchten sie nachts bei Bedarf Hilfe anfordern können, ohne sofort ein schlechtes Gewissen zu bekommen. 

Das Interview hat weiterhin ergeben, dass wirklich Altsein für viele Menschen erst jenseits der 85 beginnt. Bis dahin zeichnet sich noch ein Wille ab, Veränderungen positiv aufzunehmen. So kommt es dazu, dass die Menschen, die ins Pflegeheim gehen, stetig älter werden. Denn der Wunsch, so lange wie möglich zu Hause verbleiben zu können, ist der größte von allen. Mit all diesen Erkenntnissen im Hinterkopf heißt es für die Zukunft: das Pflegeheim konkurriert mit Alternativen. Welche von diesen für die Samariterstiftung die beste ist, darüber konnten sich die Werkstatt-Teilnehmenden bei den einzelnen Workshops einen Eindruck verschaffen.