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31.05.17 - Kategorie: Samariterstift im Mühlenviertel

„Ich bin hier schon ein bisschen Stammgast“

Der pensionierte Erziehungswissenschaftler Dr. Ludwig Liegle nutzt die Kurzzeitpflege im Samariterstift im Mühlenviertel


Ludwig Liegle hat in die Kurzzeitpflege seinen Laptop mitgebracht. Er vermisst aber einen WLan-Anschluss, um ins Internet gehen zu können.

Bereits zum vierten Mal war Professor Dr. Ludwig Liegle dieser Tage zur Kurzzeitpflege im Tübinger Samariterstift im Mühlenviertel. Für seine Frau zuhause war das 10 Tage Erholung und für das Pflege-Team vor Ort ein freudiges Wiedersehen. Der pensionierte Hochschullehrer hatte wieder seinen Laptop mitgebracht, um die Zeit kreativ nutzen und Musik hören zu können. Beim letzten Mal hatte er im Samariterstift die letzten Seiten seines Buchmanuskripts fertig gestellt.

Mitte Mai bezog der früher an der Uni Tübingen lehrende Erziehungswissenschaftler das gewohnte Zimmer. Und übergab seiner ehemaligen Studentin Anja Meslin, die jetzt im Sozialdienst arbeitet, gleich sein neues Buch „Beziehungspädagogik. Erziehung, Lehren und Lernen als Beziehungspraxis“. Die Widmung darin richtet sich an „das ganze, allzeit zugewandte, fachkundige und hilfreiche Team der Samariterstiftung“ und macht deutlich, wie zufrieden Ludwig Liegle mit der Begleitung und Betreuung ist. Seit einem Schlaganfall kann er den linken Arm kaum mehr bewegen, schlecht laufen und musste auch das geliebte Cello-Spiel aufgeben.

In erster Linie nimmt der 76-Jährige das unkomplizierte Angebot der Kurzzeitpflege in Anspruch, um seine Frau, die ebenfalls gesundheitlich angeschlagen ist, für ein paar Tage zu entlasten. Er nutzt die Tatsache, dass im Samariterstift – anders als in vielen anderen Altenheimen – immer Zimmer für Kurzzeitpflege reserviert sind. Ganz unkompliziert kann er sich für 10 Tage einmieten und die gewohnte Physio- und Ergotherapie nutzen, die für diese Zeit zu ihm ins Mühlenviertel kommt. 

„Ich bin schon ein bisschen Stammgast hier und zwei der Angestellten hier haben sogar bei mir studiert“, freut sich Ludwig Liegle. So kommt es, dass neben dem Namensschild an seiner Tür immer ein Bild vom früheren Institut hängt. „Ich kenne einige der Pflegerinnen und Pfleger und habe intensive Gespräche mit Bewohnern“, berichtet der pensionierte Wissenschaftler, der früher über das Zusammenleben und die Erziehung im Kibbuz geforscht hat. „Zum Essen gehe ich immer die paar Meter in den großen Raum hinüber, um in der Gemeinschaft mit den anderen zu sein“. 

Genauso wie er die Begegnungen mit den Bewohnern des Samariterstifts gut findet, freut er sich über viel Besuch, der ihn mit hinaus nimmt auf einen Spaziergang durch das Mühlenviertel. „Das ist architektonisch gut gemacht und sehr nett“, findet Liegle. Richtig dörflich sei das hier, mit badenden Kindern im Mühlenbach. Die regelmäßige Bewegung ist wichtig, denn zuhause warten wieder 60 Stufen bis zu seiner Wohnung unter dem Dach auf ihn.

Wie er seine zunehmenden Einschränkungen verarbeitet, will der Reporter wissen. „Ich habe eine fröhliche Natur“, so der 76-Jährige. „Ich sehe das Glas halb voll und mache zum Beispiel die Buch-Projekte, damit ich mit mir zufrieden bin, weil ich noch etwas hinstellen kann“. Und er hat allen Grund, dankbar zu sein: „Meine Frau und ich hatten ein schönes Leben, sind im Urlaub mit unserem VW-Bus in der Welt herum gefahren, haben viel erlebt und viel gemeinsam Musik gemacht“.

Auch wenn er und seine Frau keine eigenen Kinder haben, so sind es doch die Beziehungen in Familien, zwischen Geschwistern, Kindern und Eltern, um die sich sein mittlerweile achtes Buch dreht. „Gerade in unsrer Ego-Gesellschaft, bei dem vor allem der Einzelne zählt und der persönliche Erfolg“, sei die Beziehungsebene entscheidend. „Es ist wichtig, dass die Kinder sich gegenseitig helfen, dass sie Verantwortung füreinander übernehmen“. In einer Zeit, in der Eltern heute viel intensiver auf das einzelne Kind eingehen, „muss es lernen, dass es ein Ich und ein Wir gibt, ein Leben in der Gemeinschaft“. Gute Eltern zeichnen sich demnach dadurch aus, das sie gute Regeln aufstellen, dafür sorgen, dass diese eingehalten werden, aber niemals an Zuwendung und Wärme sparen.