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13.02.17 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

„Wir sind kooperative Lebewesen“

Kirchberger Dialog fordert Führungskräften aus Industrie und Sozialwirtschaft auf, eigene Standpunkte zu beziehen


In Kirchberg haben sich fast 100 Führungskräfte aus Industrie und der Sozialwirtschaft zum zwölften Mal zum Kirchberger Dialog getroffen. Die Zahl Zwölf steht für Vollkommenheit. Bis weit über das Mittelalter hinaus wurde oft mit dem Duodezimalsystem gezählt. Das heißt, es wurde statt des Zehner- das Zwölfersystem benutzt. Beispielsweise kaufte man auf dem Markt nicht fünf oder zehn Äpfel, sondern ein Dutzend (zwölf) oder ein halbes Dutzend (sechs). Auch heute lässt sich das noch an verschiedenen Zählweisen nachvollziehen: Beispielsweise hat ein Tag zweimal zwölf Stunden. 

Symbolisch steht die Zahl 12 für Vollkommenheit und Vollständigkeit. Sie ist in vielen Kulturen eine heilige Vollzahl: So hat das Jahr zwölf Monate, wird unsere Wahrnehmung und Motorik wird durch zwölf Gehirnnerven gesteuert, umkreist die Erde die Sonne in zwölf Monaten oder macht unser Skelett etwa 12 Prozent des eignen Körpergewichts aus. Die 12 ist die Superzahl unserer Welt, sie steht für das geschlossene Ganze in der Zeit. Ganz sein, vollkommen erscheinen, das geht am besten, wenn Menschen oder Dinge authentisch, echt, wahrhaftig wirken. Das wiederum gelingt besonders gut, wenn klar eigene Standpunkte zu erkennen sind. So drehten sich beim 12. Kirchberger Dialog die Impulsreferate sowie die angebotenen Workshops an den beiden Seminartagen um Orientierung geben, Haltung finden und Durchblick erzielen. Es ging darum, Standpunkte zu setzen, Sprachfähig zu werden und zu sein und somit persönlich zu wachsen.

Der zwölfte Kirchberger Dialog war demnach in verschiedener Hinsicht etwas Besonderes. Denn gegründet als Forum für den Aus- und Aufbau von Netzwerken ist er mittlerweile zu einem Dialograum geworden. Waren anfänglich die Teilnehmenden aus den unterschiedlichen sozialen Bereichen in der Mehrzahl, finden sich zwischenzeitlich immer mehr Führungskräfte aus Wirtschaft und Industrie auf dem Kirchberg ein. In diesem Jahr wurde der Dialograhmen komplettiert, indem erstmalig sechs Stipendien an junge Führungskräfte vergeben wurden. „Hier wird, was beworben wird, auch wirklich gelebt“, freut sich Julian Weritz aus Berlin. Er hat eines der Stipendien für den Kirchberger Dialog gewonnen. Der 25jährige hat in Berlin einen jungen, regionalen Online-Marktplatz für Lebensmittel ins Leben gerufen und „wenn es gut läuft, werde ich ja mal eine Führungskraft“. Dann möchte er sein Unternehmen gut führen. „Deshalb finde ich es spannend, in Kirchberg dabei zu sein. Hier kann ich lernen, wie ich eine Führungspersönlichkeit werde.“ Die Stipendien wurden von Beck Management Center GmbH, der Bosch GmbH und Apetito zur Verfügung gestellt.

Denn das ist eines der Ergebnisse der beiden Impulsvorträge zu Beginn des Kirchberger Dialogs: eine Führungskraft kann so ziemlich jeder werden, eine Führungspersönlichkeit aber nur wenige sein. Dafür braucht es Engagement, eigene Standpunkte, Empathie und wertschätzende Kommunikation. „Doch wie kann ich einen eigenen Standpunkt entwickeln“, fragte sich Professor Dr. Harald Welzer, Soziologe und Politikwissenschaftler in seiner Keynote. Er machte darauf aufmerksam, dass es stets die situativen Bedingungen sind, die Menschen zu Handlungen veranlassen. „Die sind viel wichtiger als innere Überzeugungen.“ „Uns gibt es nicht allein“, fuhr er fort. Menschen orientierten sich aneinander. Eine gemeinsame Kultur zu haben, bedeute, Gedächtnisträger für den jeweils anderen zu sein. Vor diesem Hintergrund müssten die Fragen nach Handlungs- und Freiräumen erörtert werden. Was nicht funktioniere, und dies hätten die 14 Jahre rund um die Kommunikation über Nachhaltigkeit gezeigt, sei „auf Basis negativer Mitteilungen zu positivem Handeln zu gelangen. Er schlussfolgerte: „Wenn ich eine wertschätzende Beziehung zu meinem Mitarbeitern herstelle, dann erreiche ich etwas völlig anderes, als wenn ich die Verbindung zu ihnen nur als einen Teil der durchgerechneten Wertschöpfungskette erachte. Welzer, der auch Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei in Berlin ist, rief in dem Zusammenhang zum Tag der offenen Gesellschaft am 17.Juni 2017 auf.

Ähnlich positionierte sich auch Ulf D. Posé, Leiter des Institutes für Führungslehre in Mönchengladbach. „Wer führen will, muss sich fragen, wofür stehe ich. Und in einem zweiten Schritt die Perspektive wechseln. Wer sich selbst sagt, es könnte sein, dass ich mich irre, der kann seine Meinung, sein Wissen objektiv beurteilen.“ Wer sich so betrachte, der erwerbe ‚Redlichkeit‘. „Ein redlicher Mensch spricht von der Sache selbst. Dieser Mensch redet nicht mehr über die Dinge sondern über die Gefühle, wenn er an die Dinge denkt.“ Dergestalt sei es zu schaffen, Werte von einer Welt in die andere zu transferieren. Dabei gelte es, Macht angemessen einzusetzen, sich nicht von ihr korrumpieren zu lassen oder Machtansprüche aus falschen Situationen abzuleiten. Nicht jeder, der etwas besitze, habe auch die Macht, die Menschen, die zum Besitz gehören, zu führen. In dem Zusammenhang zeigte sich Posé überzeugt: „Es lohnt sich, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten“.

Das konnten die Teilnehmenden des Kirchberger Dialogs dann auch in den verschiedenen Workshops. So entführte Thomas Kreimeyer, Diplom Medizin- Soziologe und Schauspieler sowie Unterhalter, er hatte bereits am Eröffnungsabend zuvor mit dem Steh-Greif-Kabarett „Der Mut des Loslassens“ unterhalten, in die Welt der Rollenspiele. Seine Gruppe lernte, wie zwischenmenschliche Orientierungen die Interaktion zwischen Menschen bestimmen. In diversen Übungen nahmen sie unterschiedliche Positionen ein und traten in zum Teil völlig neue Verbindungen zu ihrem gegenüber.

Bei Nikos Andreadis, Dozent und Berater für mündliche und schriftliche Rhetorik, erlernten die Gruppenmitglieder rhetorische Techniken mit deren Hilfe sie künftig vertrauensvoll und überzeugend auftreten können. Beides freilich ganz ohne Theater – sondern authentisch. Bei Konrad Gütschow, Gewinner der deutschsprachigen Debattiermeisterschaft, übten sich die Teilnehmenden in positiver Streitkultur. Sie gewannen im Workshop Sicherheit im Auftritt und Spontanität im schlagfertigen Antworten. Dr. Cordula Brand und Christiane Burmeister vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften gewährten Einblicke in die Welt der Ethik, um persönliche Integrität gewinnen zu können. Mithilfe des Schwertkampfes konnten Übende bei Gerhard Woehrle, Dozent für Yoga und Schwertkunst, Träger des 5. Dan Aikikai Tokio, sich ihres eigenen Standpunktes bewusst werden. Sie erfuhren bei diversen Übungen, wieviel Konzentration und Kontemplation notwendig ist, um diesem ihrem eigenen Standpunkt auch unter Belastung treu zu bleiben. 

Der Kirchberger Dialog ist eine gemeinschaftliche Veranstaltung der Samariterstiftung, der Bruderhaus Diakonie, der Stiftung Zeit für Menschen und des Kloster Kirchbergs. Der Kirchberger Dialog dient dem Dialog zwischen den Welten der Wirtschaft und des Sozialbereichs. Denn die Gestaltung der Zivilgesellschaft erfordert die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und zwar von allen wesentlichen Kräften der Gesellschaft.