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13.02.17 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung

„Unser Land ist nicht arm“

Franz Müntefering im Werkstattgespräch der Stiftung „Zeit für Menschen“ in Wendlingen


Ist unsere Demokratie in Gefahr? Jedenfalls scheint sie kein Selbstläufer zu sein. 
Was sind die wichtigen Stellschrauben, die eine Gesellschaft zusammenhalten? Wer hat dabei welche Aufgabe und Verantwortung? Franz Müntefering gibt Antworten.

Als Folge des anhaltenden Flüchtlingsstroms hat sich die Armut in Deutschland deutlich ausgebreitet. Die Tafeln, die bundesweit Lebensmittelspenden an Bedürftige abgeben, versorgen mittlerweile zusätzlich 200 000 Asylsuchende. Die mehr als 900 Einrichtungen in Deutschland fordern erstmals in ihrem zwanzigjährigen Bestehen staatliche Zuschüsse. Auch die Zahl der Obdachlosen erreicht laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mit 335 000 Betroffenen Rekordniveau. Im Werkstattgespräch der Stiftung „Zeit für Menschen“ am Donnerstag, 2. März, um 18.30 Uhr in der Werkstatt am Neckar in Wendlingen wird Franz Müntefering zu diesen Verzerrungen und Fragen weitere Impulse geben. 

Herr Müntefering, wer muss Ihrer Ansicht nach mit welchen Mitteln der fortschreitenden Armutsentwicklung entgegenwirken?

Unser Land ist nicht arm. Es hat Wohlstand. Das Problem ist die ungerechte Verteilung, die stärker zu werden droht. Armut lindern und bekämpfen sind deshalb wichtig und nötig. Armut vorbeugen aber nicht minder. Das ist Aufgabe von Politik und Gesellschaft.

Und wem fällt in diesem Prozess welche Aufgabe zu? 

Die Politik hat die Aufgabe, mit Gesetzen Gerechtigkeit zu suchen. Dies ist im Sinn unseres Grundgesetzes. Es strebt „gleichwertige“ Lebensverhältnisse an. Allerdings: Ohne Solidarität in der Gesellschaft geht das nicht. Und Solidarität kann man nicht per Gesetz erzwingen. 

Jetzt könnten einige versucht sein zu denken, dass die solidarische Bürgergesellschaft die frühere Arbeitnehmergesellschaft ablöst. 

Nein, dem ist nicht so. Eine solidarische Bürgergesellschaft und eine Arbeitnehmergesellschaft gehören zusammen. 

Was lässt sich unternehmen, um bürgerschaftliches Engagement durch alle Schichten der Gesellschaft hindurch zu etablieren?

Engagement lebt aus der Freiwilligkeit. Aber es ist wichtig, Solidarität zu organisieren. So kann sie Strukturen mitbestimmen und wirklich nachhaltig wirksam werden. „Helfen und helfen lassen“, das muss beworben und vorgemacht werden. 

Welche Rolle spielt das Ehrenamt in Deutschland? Wie kann es bei der Anpassung an die gesellschaftlichen Veränderungen der Zukunft helfen? 

Viele Menschen in unserem Land sind engagiert. Sie wirken an unterschiedlichen Stellen mit. Lob und Respekt für sie. Das gilt für Haupt- und Ehrenamt und deren Verknüpfung. Das ist wichtig, damit wächst ihre Effizienz. Das gilt auch für die Flüchtlingshilfe, eine Aufgabe, die uns noch lange begleiten wird. 2015/2016 hat sich gezeigt, wie viel spontane Hilfsbereitschaft besteht. Aber daraus muss nun ein sinnvolles, nachhaltiges System der Integration werden, das die demografischen Verzerrungen in unserem Land sowie Fragen der Migration beachten muss.

13.02.2017 | Nürtinger Zeitung | Sabine von Varendorff