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12.12.17 - Kategorie: Christiane von Kölle Stift

Stopfen und Schwätzen - Haupt- und Ehrenamtliche gestalten im Christiane-von-Kölle-Stift gemeinsam einen Nachmittag


Soweit die gängigen Vorstellungen zum Thema Inklusion, die sowohl die Altenhilfe wie die Eingliederungshilfe betreffen. Doch der demografische Wandel führt dazu, dass die Hilfebedarfe in diesen Bereichen steigen. Gleichzeitig kommt es in Kombination mit dem Kostendruck im Sozial- und Gesundheitswesen bereits heute zu einem deutlich spürbaren Fachkräftemangel in Pflegeberufen. Deshalb ist es der Samariterstiftung seit Jahren unverzichtbarer Anspruch, die Freiwilligenarbeit systematisch in ihre Strukturen zu integrieren. Im Christiane- von-Kölle-Stift in Tübingen ist es gelungen, die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen so zu gestalten, dass sich eine Win-Win-Situation, in der beide Seiten die jeweils andere als bereichernd empfindet, entsteht.

„Gemeinsam können wir mehr“, hieß das Seminar, an dem jeweils sechs Hauptamtliche und Ehrenamtliche teilnahmen. Es beschäftigte sich mit der Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in Hausgemeinschaften zum Wohle Aller gelingen kann. Dass solch ein Thema durchaus Relevanz hat findet Markus Setzler, Teamleitung Alltagsbegleiter im Christiane-von-Kölle- Stift. „In der Praxis ist oft zu beobachten, dass Ehrenamtliche und Hauptamtliche völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie der Alltag in einer Hausgemeinschaft ablaufen sollte.“ Aus diesem Unverständnis können Konflikte erwachsen, die irgendwann fast nicht mehr beizulegen sind. „Den Ehrenamtlichen fehlt häufig die Erkenntnis, dass Haupt - amtliche viel stärkeren Zwängen von außen unterworfen sind als sie selbst“, ergänzt Gertrud Rahlenbeck, Ehrenamtskoordinatorin im Christiane- von-Kölle-Stift. Doch ohne gegenseitiges Verständnis und Anerkennung der geleisteten Arbeit geht es auf keiner der beiden Seiten.

Deshalb beschäftigten sich die Semi- narteilnehmer mit der Frage, was braucht der Ehrenamtliche vom Hauptamtlichen und umgekehrt. Als Antwort wurde eine zündende Idee geboren. „Mir ist immer wieder aufgefallen, dass Wäschestücke unserer Bewohner nach Nadel und Faden verlangten. Knöpfe waren abgerissen oder Nähte aufgetrennt“, erinnert sich Markus Setzler. Doch keiner hatte für die Reparaturarbeiten wirklich Zeit. Die Anzeige in der lokalen Presse, die daraufhin geschaltet wurde, sollte eigentlich nur ein Versuchsballon sein. Die Antwort überwältigte! Gleich sieben Frauen meldeten sich zum Nähnachmittag an, um ehrenamtlich und gemeinsam mit den Bewohnerinnen zu stopfen, flicken, nähen und heften.

Seither werden an einem Mittwochnachmittag im Monat der Stopfpilz und die Nähnadel ausgepackt. Es ist wie früher am Küchentisch und vor dem warmen Herdfeuer. Es wird gestrickt, genäht, gestopft und geplaudert. „Ich hatte Handarbeitsunterricht bei einer strengen Ordensschwester“, erzählt Walburga Weiss. Die 75jährige lebt allein in Rottenburg und freut sich hier unter Frauen zu sein. Seit 25 Jahren kennt sie das Ehrenamt, denn sie begleitet regelmäßig Gottesdienste. Mit Elfriede Herrmann hat sie sich gleich angefreundet. Die 97-jährige Dame fädelt gekonnt den dünnen Faden durchs Öhr und berichtet: „dass früher die Aussteuer und die Paradekissen bestickt werden mussten“.

„Nähkästchen“ heißt der gemütliche Nachmittag im Stift. Und alle Beteiligten haben aus selbigem zu plaudern. „Ich hatte sechs Kinder und an deren Hosen waren immer die Knie durchgewetzt“, erinnert sich Herta Bleyer. Die 99-Jährige freut sich, mal wieder einen Stopfpilz in der Hand zu halten. Es wird geschwätzt und gestopft, erinnert und aktiviert. „Wir können mit diesem Angebot alle beschäftigen. Diese Generation kennt Hausarbeit nur zu gut, und wir brauchen nichts von oben aufsetzen“, sagt Katrin Brockschmidt, die gemeinsam mit Markus Setzler die Alltagsbegleiter leitet. Ganz nebenbei wandern so wieder alle nötigen Knöpfe ans Nachthemd. „Das ist ein wunderbares Angebot, von dem alle was haben“, freut sich Setzler. Für ihn ist dies ein Paradebeispiel dafür, wie die Arbeit der Ehrenamtlichen die der Hauptamtlichen bereichern kann.

Keiner von ihnen hätte im täglichen Arbeitsalltag Zeit fürs Flicken. Und doch kommt mit einem Lieblingsnachthemd, das sich wieder ordentlich zuknöpfen lässt, ein Stück Lebensqualität zurück. „Es ist absolut notwendig, das Haupt- und Ehrenamtliche zusammenarbeiten können. Wenn ein Zahnrad ins andere greift, dann ist das vor allem für die Bewohnerinnen und Bewohner ein Gewinn“, ist sich Gertrud Rahlenbeck sicher.

Red/svv

Der Artikel stammt aus dem Magazin der Samariterstiftung. Für mehr vom Magazin klicken sie HIER.