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27.09.16 - Kategorie: Samariterstift Münsingen, Samariterstift Grafeneck

Das „Paradies“ im Brombeerweg

Inklusives Wohnprojekt wird ein Jahr alt und hat schon viele Wünsche und Hoffnungen erfüllt


„Heute Abend gibt es Pizza bei uns“, freut sich Andrea Eisele. Seit einem Jahr lebt sie jetzt im Brombeerweg 2 in der Münsinger Parksiedlung. „Es war richtig gut, dass wir hierhergezogen sind“, urteilt sie und lacht. Zum Einkaufen geht es zu Fuß und zur Arbeit in die Werkstatt an der Schanz sogar manchmal mit dem Bus. Mit ihr sind 23 weitere Bewohnerinnen und Bewohner im Brombeerweg heimisch geworden. 

In zwei der drei miteinander verbundenen Häuser sind 16 Menschen mit einem „höheren Hilfebedarf“ untergebracht, die stationär betreut werden, im anderen acht Männer und Frauen im Übergang zur ambulanten Wohnform. Die Zimmer sind unterschiedlich groß, so dass alleine, in Zweier- und in Vierer-Wohngruppen gelebt werden kann. Am Anfang waren nur „Grafenecker“ umgezogen, seit kurzem ziehen auch Münsinger nach und nach ein. „Das war unser Wunsch. Das Wohnprojekt sollte nicht nur ein Angebot für ‚alte Grafenecker sein, sondern auch jungen Münsingern die Möglichkeit bieten, zuhause auszuziehen und selbständiger leben zu können“, freut sich Regionalleiter Markus Mörike.

„Ich bin in Münsingen geboren und hier aufgewachsen. Ich kenne hier viele“, erzählt der 20-jährige Philipp Feller, „Ich habe nie geglaubt, dass ich alleine wohnen kann.“ Doch es geht, wunderbar sogar. In seinem kleinen Apartment mit Kochecke und Bad hat er es sich gemütlich eingerichtet. Die Wände sind mit Karnevalsmasken aus Venedig und mit Eintrittskarten zu Fußballspielen seines Lieblingsvereins Borussia Dortmund dekoriert. Auf seinem Eckschrank liegen verschiedene Dienstmützen von Polizei und Feuerwehr. Denn Sammeln ist eine der Leidenschaften von Philipp Feller. Muscheln und Steine lagern in schöner Ordnung in Vitrinen. Im Eck steht ein kleines Keyboard und gerade kümmert er sich um den Abwasch. „Das ist hier alles ganz normal und alle sind sehr freundlich und aufgeschlossen mir gegenüber. Ich bin gern hier.“ 

Mit dem Projekt Brombeerweg geht die Samariterstiftung völlig neue Wege in der Eingliederungshilfe. Zum einen mit der gemischten Wohnform, zum anderen mit den kleinen Wohneinheiten. Küche und Bad gehören zum Apartment. Je nach Fähigkeiten sollen sich die Bewohner mit Alltagsarbeiten wie Putzen, Kochen, Einkaufen eine selbstverständliche Tagesstruktur geben. Das wird zusammen mit den Betreuern trainiert. So haben Lars Fechter, Heilerziehungspfleger, gemeinsam mit Martin Leibfriz und Willi Vyskytensky einen Wochenplan ausgearbeitet, wann wer Putzdienst oder Mülldienst hat. „Den haben wir aber wieder verworfen, weil mein Freund so viel schläft“, erzählt Martin Leibfriz. Aber das nimmt er seinem Mitbewohner nicht krumm, denn der ist sein größter Bewunderer. Martin kocht so gern. Er verwöhnt den Mitbewohner mit Käsespätzle und geschmälzten Zwiebeln oder mit Spaghetti Bolognese. „Ich lasse mir von einem Betreuer den Herd freischalten und dann koche ich, auf was ich eben Lust habe. Das konnte ich in Grafeneck nicht.

Auch für Funda Gerhardt, die sehr stark sehbehindert ist, hat sich vieles geändert. „Im Heim, wo ich vorher war, habe ich vieles einfach vor die Nase gesetzt bekommen. Hier habe ich mehr Möglichkeiten, mich frei zu bewegen“, sagt sie und rollt ihren Rollstuhl in die andere Ecke des Zimmers. „Ich mag es, wenn ich so viel wie möglich selbstständig erledigen kann.“ Deshalb ist es ihr auch ein kleiner Dorn im Auge, dass sie unter Spüle und Herd nicht ihren elektrischen Rollstuhl drunterschieben kann. „Wenn ich da dran käme, würde ich mir noch viel mehr selbst zubereiten. Aber das hier ist trotzdem das Paradies für mich.“

Gut versorgt fühlen sich alle im Brombeerweg. Doch der Weg sollte sie ja auch herausführen aus den eigenen vier Wänden. „Ich würde so gern mal mit einem Hund spazieren fahren“, sagt Funda Gerhardt. Doch dafür bräuchte sie jemanden, der sie erstens mit Hund besuchen kommt und zweitens es ihr zutraut, dass sie diesen Hund trotz Sehbehinderung neben sich am Rollstuhl führt. „Das ist ein wirklich großer Wunsch von mir. Ich mag Hunde und Pferde sehr sehr gern.“ Der 20-jährige Philipp Feller hat ebenfalls einen Herzenswunsch, der nur in Erfüllung geht, wenn ihn jemand begleitet. „Ich möchte unbedingt einmal auf ein Helene-Fischer-Konzert. Die wird allerdings kaum in Münsingen auftreten. Ein solcher Konzertbesuch müsste also organisiert werden. Und der kochbegeisterte Martin wünscht sich sehnlichst Kontakt zu Star-Trek-Fans. „Ich suche Menschen, die Star-Trek-Modelle nachbauen oder Star-Trek-Sachen sammeln. Solche Fans würde ich gern kennenlernen. Denn Science Fiction fasziniert mich fast noch mehr als Kochen.“

So wird der Brombeerweg nach und nach genau zu dem, was er der Konzeption nach sein soll: Ein offenes Haus, kein traditionelles Wohnheim, sondern ein Apartmenthaus in dem Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Privatsphäre, aber auch gleichzeitig mit Assistenz leben können. Jede Wohnung hat einen eigenen Zugang und alle Bewohner und Bewohnerinnen bekommen individuell angepasste Hilfeleistungen. Die Fachkräfte hierfür sind in einem separaten Assistenzbüro untergebracht. Wohnen im Brombeerweg bedeutet auch Wohnen im Quartier. Das inklusive Wohnprojekt ermöglicht Menschen mit Behinderung selbst wählen zu können, wo und wie sie wohnen und leben möchten. Eingebettet in eine lebendige Nachbarschaft, ist ein Angebot entstanden, das es möglich macht, jeden in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen, schätzen und achten zu lernen. Inklusion kann so gelingen. Denn ein Ziel im Brombeerweg ist, dass in drei Jahren einige der Bewohner das Leben mit weniger Betreuung meistern, den Übergang ins ambulante Wohnen schaffen. Wenn sich jetzt noch ehrenamtliche Wunscherfüller finden, dann ist das Paradies auf Erden im Brombeerweg zu Hause.