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02.02.16 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung, Wohnstätte Oberensingen

Blanke Nerven und glänzende Augen

Schattentheater „Nachtkerzen“ tritt im Stuttgarter Lindenmuseum auf


Mehr als fünfzehn Mal haben die Schauspieler des Schattentheaters „Nachtkerzen“ ihr Stück „Gewitternacht“ bereits aufgeführt. Klar, Lampenfieber und Nervosität waren jedes Mal dabei. Doch vor dem Auftritt im Stuttgarter Lindenmuseum, gab’s besonders viel Nervenaufreibendes.

 Das Spiel mit Licht und Schatten 
war dieses Mal ein wirklich naturgetreues Abbild der Seelenlage und des Nervenkostüms. Die Nächte in denen wir nicht einschlafen können, die sind besonders lang. Liegt es am Vollmond, oder an dem inneren Kuddelmuddel? Uns quälen Fragen über Fragen. Da helfen kein Schäfchenzählen und kein Wolkenschieben. Die Fragen verlangen nach Antworten. Genau von einer solchen Nacht erzählt das Stück „Gewitternacht“ frei nach Michel Lemieux. Ein Kind kann nicht einschlafen und draußen donnert und blitzt es. Es bekommt Angst. Durch seinen Kopf ziehen seltsame Überlegungen: Wenn man ein Loch in den Himmel bohrt, was kommt dann? Tja, was kommt dann? Ließen wir unserer Phantasie freien Lauf, sie wüsste sicher eine Antwort. Aber wir allesamt sind getaktet, nach Arbeitszeiten, Urlaubszeiten, Wochentagen und Fahrplänen. 

Die Schattentheatergruppe aus Oberensingen, zu der ausnahmslos Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen gehören, zeigt in ihrem Spiel, wie wir durch Raum und Zeit hasten. Zu Besuch auf der Erde kommt ein Außerirdischer, der völlig verwundert die eilenden Menschen untersucht. 
Im Lindenmuseum ist die Grenze zwischen den Akteuren und den Zuschauern klein gewesen. Fast 50 Zuschauer waren zur Vorführung in eines der größten ethnischen Museen Europas gekommen. Hier wird noch bis Mitte April die „Welt des Schattentheaters“ in einer Sonderausstellung vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die Traditionen des Schattentheaters und die Faszination, die diese Kunst von China über Südasien und den Orient bis hin nach Europa ausübt. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten hat Menschen seit jeher in den Bann gezogen, auch die Akteure aus Oberensingen, die in der Wohnstätte gemeinsam mit qualifiziertem Betreuungspersonal versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. 

Hinter der großen weißen Leinwand gelingt es ihnen gut, eigene Gefühle und innere Konflikte auszudrücken. Vor dem weißen Tuch sehen die Zuschauer ja nur ihre Schatten, denn sie halten keine Schattenspielfiguren an Holzstäben in die Höhe, sondern sind selbst die Künstlerinnen und Künstler. Sie schwenken bunte Seidenbänder, liefern sich einen kleinen Stockkampf, blicken zweifelnd in einen Handspiegel. Wie es in ihnen aussieht, das geht das Außen nichts an. Aber bei der Aufführung im Lindenmuseum, war es durch die Leinwand zu spüren, haben die Schatten-Schemen ahnen lassen, wie viel Aufregung, Angst und Nervosität dieses Mal mit Silvana Dürschmied, der eigentlichen Regisseurin des Stücks, durch die gute Stunde geführt haben. Hinzu kam, dass hier die technischen Gegebenheiten anders als üblich waren. Die Leinwand konnte nicht fest am boden verankert werden, so dass sie sich in der Mitte immer blähte, wenn die Schattenspieler daran vorbeihuschten. Auch die Beleuchtung ließ einiges, vor allem das, was dicht am Boden geschah, wortwörtlich im Dunklen verschwinden. Kurz um: Die Nerven lagen ein wenig blank. In der Generalprobe ist auch die eine oder andere Träne geflossen. 

Vielleicht haben deshalb die Kinder und Erwachsenen am Ende der Vorstellung gejubelt, gepfiffen und laut applaudiert. Das Stück hat gefallen, die Oberensinger „Nachtkerzen“ haben begeistert. Alle haben gespürt, hier ist ein großes Stück Arbeit gelungen. Dreimal haben sie mit ihrem Applaus die Schauspieltruppe vor die Leinwand gerufen. Es gab zum Dank für deren Auftritt ein kleines Röschen für jede Schauspielerin und jeden Schauspieler. Da hat sich dann der innere Knoten gelöst und die Augen glänzten, vor Stolz und Erleichterung. „Wir haben es geschafft“, strahlten alle um die Wette.