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04.12.15 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung, Pflegeheim Schroth Wolfschlugen

„Ein Alzheimerpatient handelt logisch – nur mit einer verschobenen Logik!“

Hartwig von Kutzschenbach, Vorsitzender der Alzheimergesellschaft, Sachgebietsleiter bei SOFA (Sozialpsychiatrischer Dienst für alte Menschen) des Landkreises Esslingen, ein ausgewiesener Fachmann beim Thema Demenz, hielt in Wolfschlugen einen Vortrag über die Volkskrankheit, deren Folgen und, wie man dementiell erkrankte Personen möglichst gut begleiten und betreuen kann. Eingeladen hatten die Samariterstiftung (Pflegeheim Schroth), die Diakoniestation Nürtingen und der Krankenpflegeverein Wolfschlugen. Eingeladen hatten die Samariterstiftung (Pflegeheim Schroth), die Diakoniestation Nürtingen und der Krankenpflegeverein Wolfschlugen.



Von Jakob Krenn

Auguste Deter – die erste Alzheimer- Patientin

Im  Jahre 1901 hat der deutsche Psychiater Alois Alzheimer zum ersten Mal detailliert das vielseitige Krankheitsbild beschrieben, während er Auguste Deter mehrere Jahre bis zu ihrem Tod begleitete. Als er ihr Gehirn post mortem untersuchen durfte, stellte er Veränderungen in der Gehirnrinde fest, die bis heute als Stand der Wissenschaft gelten. Als Alois Alzheimer seine Erkenntnisse fünf Jahre später auf einem Expertenkongress in Tübingen veröffentlichte, war das Interesse ernüchternd – man nahm ihn nicht ernst. Sein 1910 veröffentlichtes Buch über die Krankheit dagegen ist ein Meilenstein. Heute liegen die Ereignisse fast 115 Jahre zurück. „So lange kennt man die Krankheit schon – aber wie lange kennen wir den Begriff Alzheimer? Ich schätze nicht mehr als 30 Jahre!“, sagt Hartwig von Kutzschenbach. 

Die Krankheit Alzheimer ist nur eine Art von Demenzerkrankungen, mit 50 – 70 % wohl aber die häufigste. Ungefähr 1,5 Mio. Menschen in Deutschland sind betroffen – Tendenz steigend. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen allmählich ins hohe Alter und damit nimmt auch der Prozentsatz an Erkrankten zu. Die gute Nachricht: Nur 3 – 5 % aller Demenzformen sind vererbbar. Außer bei einer vaskulären Demenz, welche durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht wird, gilt zudem folgende Regel: Ist die Vater/Mutter- Generation bis zum 60. Lebensjahr noch nicht erkrankt, ist das Risiko einer eigenen Erkrankung minimal. „Isländer haben ein Gen gegen Demenz“, meint der Referent und fügt hinzu, „aber umziehen bringt leider nichts mehr!“

Logik der Patienten ist verschoben

Symptome treten meist schleichend ein: Man vergisst, wo man den Schlüssel hingelegt hat und findet ihn einem Suppentopf wieder, ehemals bekannte Namen entfallen oder man erinnert sich nicht mehr, wo man die Geschenke für Weihnachten versteckt hat. Hinzu kommt ein immer schlechter werdendes Zeitgefühl, eine eigene Identitätssuche und situationsunangemessenes Verhalten. Betroffene kommen oft nicht mit der Situation klar und reagieren frustriert, schämen und isolieren sich. „Ein Mensch mit Demenz handelt logisch – nur mit einer verschobenen Logik“, meint Hartwig von Kutzschenbach. Wenn also ein dementiell erkrankter Mann seine Schuhe in den Kühlschrank stellt, ist dies ganz einfach zu erklären: Sein Gehirn ist soweit abgebaut, dass er nicht mehr in Symbolen denken kann – für ihn ist ein Schrank, ein Schrank. Ganz gleich wie er im Detail aussieht. Meistens sind Handlungen der Betroffenen auf die eigene Kindheit und Jugend zurückzuführen. „Wahrscheinlich musste der Mann früher seine Schuhe immer in einen Schuhschrank räumen und das tut er heute eben immer noch!“ Das heißt für die Angehörigen: Nicht an die Vernunft und an seine Einsicht appellieren, denn das versteht er nicht mehr. „Fügen Sie sich der Wahrheit und Logik der Betroffenen!“

Wohl gibt es Medikamente, um den Abbau des Gehirns zu verlangsamen, aber oftmals wurden diese nur an jungen, gesunden Menschen ausprobiert und schon gar nicht auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten getestet. „Ginkgo beispielsweise schadet nicht, eine positive Wirkung wurde bislang auch nicht nachgewiesen!“, meint Hartwig von Kutzschenbach.

Die richtige Begleitung ist der Schlüssel

Viel mehr Wert müsse auf die Begleitung betroffener Menschen gelegt werden. So kann es unglaublich hilfreich sein, eine bestimmte Tagesstruktur einzuführen. Morgens Zeitunglesen erinnert viele an ihre frühere Arbeitszeit und kann beruhigend wirken. Wichtig ist weiterhin die Milieugestaltung, beispielsweise mit LEDs, die den Weg zum Klo weisen. „Wir müssen die Umgebung so gestalten, dass der Patient sich zurecht findet, und nicht wir!“, weiß Hartwig von Kutzschenbach. Hilfreich kann auch eine Art Stundenplan mit Bildern vom Doktor, von den Enkeln etc. am jeweiligen Tag sein. Betreuungsgruppen und Tagespflege stellen eine unautoritäre Möglichkeit zur Alltagsgestaltung dar. Wenn ein Patient z.B. zu wenig trinkt und man als Angehöriger mit Appellen keine Wirkung erzielt, machen Betroffene in Gruppen oft das nach, was alle machen. Hartwig von Kutzschenbach legt Wert darauf, dass seine Tipps nicht pauschal bei allen Erfolg haben werden – jeder Patient ist unterschiedlich. Ein Zitat von einem US- Arzt lautet: „Kennst du einen Menschen mit Demenz, dann kennst du einen Menschen mit Demenz!“

Allgemein gilt jedoch, dass man sein Gehirn mit Training, wie Tanzen, Mathematik, ein Musikinstrument lernen und spielen etc., besser aufstellen kann für den Fall einer Demenz. „Auswirkungen werden später eintreten und merkbar, wenn wir unser Gehirn mehr aktiv nutzen“, stellt der Experte klar. Frei nach dem Motto „use it – or lose it“ kann also jeder selbst etwas für sich und seine Gesundheit tun. 

Hilfe und Unterstützung gibt’s bei SOFA

Angehörige von Betroffenen können sich bei SOFA des Landkreises Esslingen in Schulungen, Einzelgesprächen etc. beraten lassen. Erschreckend ist, dass ca. ein Drittel der pflegenden Angehörigen aufgrund der Belastung selbst an Depressionen und/oder Burn-out leidet. In Angehörigengruppen lauten die Aussagen nach dem ersten Besuch oft: „Wäre ich doch bloß früher gekommen!“ Mit einem MMST, einem Mini Mental Status Test, lässt sich herausfinden, ob eine Person erkrankt ist, und wenn ja, in welcher Phase sie sich befindet. Dazu meint der Fachmann: „Es ist nie zu spät sich Hilfe zu holen! Alle Angebote von SOFA sind zudem kostenlos für Angehörige und Patienten!“

Hartwig von Kutzschenbach führt mit viel Kompetenz, geistreichen Anekdoten und illustrierenden Beispielen durch den Vortrag und ermutigt die Zuhörer, sich von der Krankheit nicht unterkriegen zu lassen.