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07.07.14 - Kategorie: Neues aus der Samariterstiftung, Panoramaklinik, Tagesklinik im Schlößle

Tagesklinik im Schlössle feiert ein buntes Fest zum 30sten Geburtstag

Menschen helfen, sich selbst besser zu verstehen


Sommer, Sonne und ein buntes Fest. Seit 30 Jahren kümmern sich Experten in der Tagesklinik in Oberensingen um Menschen, die aus verschiedensten Gründen in ein dunkles Loch gerutscht sind, deren Seelenleben, Licht und Frohsinn erst wieder lernen muss. Ein Grund zum Feiern!. 

Es ist ein buntes, fröhliches und auch nachdenkenswertes Fest für die Oberensinger, alle Interessierten und natürlich auch die Patientinnen und Patienten gewesen. „Wir sind als kleine Schwester auf die große stolz“, sagten Mitarbeitende aus der Panoramaklinik in Esslingen, als sie bei der Geburtstagsfeier einen Stärkungskorb, neudeutsch heißt das „survival-kit“, mit 30 Geschenken zum guten Leben überreichten. Darin enthalten Nervennahrung, Seelentröster und Chili-Gummibärchen zum Schutz vor dem Ausgebranntsein. 

Beachtenswert und zum Nachdenken war der Festvortrag zum Thema „Entdeckung der Achtsamkeit“ von Dr. Matthias Hammer. Hammer arbeitete bis 2013 als Leiter der Rehabilitationsabteilung für psychisch kranke Menschen des Rudolf- Sophien-Stifts in Stuttgart. Seit 2013 arbeitet er als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Stuttgart. „30 Jahre Tagesklinik sind eine große Leistung“, lobte der Geburtstagsredner. Mit der Arbeit der Tagesklinik und vor allem dem speziellen Angebot in Oberensingen und Esslingen, habe die Samariterstiftung als Träger der Häuser, einen Trend vorweggenommen. So sei die bewusste Konzeption mit Gruppenarbeit und einer Haltung, bei der es um das klare Bewusstwerden und Wahrnehmen geht, eine gute Möglichkeit, den Autopiloten auszuschalten, mit dem wir alle unterwegs sind.
 
„Viele haben in unserer Klinik zum ersten Mal die Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken, wie sehr sie sich jeden Tag selbst verletzten, weil sie sich so verhalten, wie sie es tun“, schilderte Dr. Peter Czisch, Leiter der Tagesklinik, seine Eindrücke. Er hob hervor, dass sich dabei Ärzte wie Fachkräfte als Team begreifen, das ständig durch die Rückmeldungen der Klienten dazu lerne. In der Tagesklinik lernten nicht nur die Klienten den Raum für innere Veränderungen wahrzunehmen. Dieses Wahrnehmen ist eine innere Einstellung, eine Haltung, die bei Matthias Hammer „Achtsamkeit“ heißt. 

„Achtsamkeit ist auf das bewusste Erleben des aktuellen Augenblicks ausgerichtet“, sagte der Referent. Die hohe Kunst der Achtsamkeit sei es, wenn der Klient merke, dass er nicht auf alles reagieren muss, was ihm gerade in den Sinn kommt. Denn Gedanken seien wie Erscheinungen. „Sie kommen und gehen auch wieder.“ Er zitierte Mark Twain, der von sich sagt: „Mein Leben ist voller Missgeschicke, von denen die meisten nie stattfanden.“ Damit versuchte er zu erklären, dass das ewige Grübeln über ärgerliche, angstmachende oder gar bedrohliche Situationen diese nicht löse, sondern sie vielmehr verstärke. Etwa 40.000 Gedanken produziere das menschliche Hirn am Tag, dabei arbeite es selbstständig. 
Gedanken kontrollieren zu wollen sei ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Negative Gedanken seien Ereignisse in unseren Köpfen aber keine realen Fakten. Eine große Rolle spiele dabei, dass der Mensch gemeinhin alles bewerten würde, was er denkt. Negativ sei ein Gedanke erst durch Bewertung. Wer schließlich dagegen ankämpfe, sich schlecht zu fühlen, weil er etwas negatives denkt, sei völlig gefangen. Er versuche, Situationen zu vermeiden, die dazu führen, dass er negativ denkt und sich schlecht fühlt. Doch dadurch schneide er sich selbst den Weg ab, um neue, also bessere Erfahrungen machen zu können. „Achtsamkeit ist lernbar“, sagte Hammer. Achtsamkeit sei für die Psychohygiene von Klienten ebenso wie für die Behandler eine Methode, dem Ausgebranntsein vorzubeugen. Wer sich von den Empfindungen des Kienten berühren lasse, entwickle Mitgefühl. Er höre zu, sei wirklich präsent und damit auch bei sich selbst. 

Vielleicht hat der Vortrag über die Achtsamkeit mit dazu beigetragen, dass nach dem Festvortrag die vielen schönen Dinge auf dem Kunsthandwerkmarkt rund um die Tagesklinik, oft bestaunt wurden. Die kostbaren Schätze aus der Schmuckschatulle, der Holzwerkstatt oder der Floristenstube sowie dem ‚Atelier‘ der ehemaligen Klientin Christine Rösler aus Filderstadt ausgiebig gelobt wurden. Bei Selbstgebackenem aus dem Backhäusle und Begleitung durch Akkordeontöne konnten Besucherinnen und Besucher einen schönen Nachmittag verbringen.
 Im Sinn des Festvortrages waren sie alle sehr achtsam mit sich selbst. Bis 1957, als die Leonberger Fürsorgeheime mit der Samariterstiftung Stuttgart fusionierten, war das Schlössle eine „Anstalt für gefallene Mädchen“, ein Fürsorgeheim. So ist die Geschichte des Schlössles während der vergangenen 90 Jahre auch eine Geschichte der Samariterstiftung selbst. „Die Tagesklinik ist völlig anders finanziert als die Alten- oder Bhindertenhilfe. Es gibt kaum ähnliche Angebote im Land“, sagte Jürgen Schlepckow, Vorstand der Samariterstiftung. „In der Versorgung des Landkreises ist das Angebot der Samariterstiftung zwar klein. Mit dem Landkreis Esslingen selbst gibt es einen großen Anbieter im Bereich der Psychiatrie, aber wir sind trotzdem ein wichtiger Baustein

Die Tagesklinik mit ihren Strukturen ist ein Farbtupfer auf der Landkreis-Karte in Sachen psychiatrische Versorgung. Farbtupfer sehen gut aus. Die Samariterstiftung ist bereit, weitere Verantwortung zu übernehmen“, versicherte Schlepckow