01.07.2010
Hilfe für demente Menschen

„Hätt’ ich dir gar nicht zugetraut“


Das Farben-Spiel, Dienstagmorgens im Haus am Parksee in Leonberg, ist eigentlich etwas Therapeutisches. Dr. Margarethe Hauschka-Stavenhagen hat diese Art des Malens entwickelt, damit ältere Menschen mit und ohne Demenz wieder ins Gleichgewicht finden können.

Für die etwa zehn Menschen, die heute um den Tisch im großen Gemeinschaftsbereich sitzen, ist es aber ganz einfach nur Spaß. In der Schule hat die 94jährige Frieda Kamm zum letzten Mal gemalt. „Ich habe nicht gedacht, dass ich das kann“, sagt sie und blickt stolz auf ihr prächtiges Löwenzahnbild. „Wenn jemand etwas nicht kann, ist das die beste Voraussetzung für’s Gelingen“, schmunzelt Christel Langer. Die Kunsttherapeutin bietet diese Malstunden bereits seit zehn Jahren an. Mehr als einmal hat sie erlebt, wie Herzen und Köpfe beim Pinselschwingen aufgingen.

Na ja, die Bewegungen der Hochbetagten sind nicht mehr ganz so schwungvoll. Elsa Kirschbaum, die heute mit ihren 96 Jahren die Älteste am Tisch ist, kann nur noch mit weichen Buntstiften Konturen ausmalen. Aber ihr Gemälde mit dem leuchtend blauen Ehrenpreis ist trotzdem bildschön. Erich Griessinger ärgert sich lautstark über seinen haarigen Pinsel. Dafür ist der 77jährige dann beim Singen, was es immer wieder in den Malpausen gibt, ganz im Glück. 40 Jahre hat er im Gesangverein mitgesungen. „Das verlernt die Stimme nicht.“ Sagt’s und schmettert „Der Mai ist gekommen“. Dazu dirigiert er den gesamten Tisch mit strahlendem Lachen.

Durch das Formenzeichnen, die rhythmisch ordnenden Bewegungen werden Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit positiv beeinflusst. Die Nass-in-nass-Technik, bei der die Farben leicht verschwimmen, fördert das Erleben und Gestalten von Farbklängen. „Es wird die Schöpferkraft angesprochen. Es entsteht wieder eine Ich-Kraft“, erklärt Christel Langer.

Da wird sie Recht haben. Denn wie glücklich ist Gerda Härderich, als der Nachbar staunend ihr Bild betrachtet und fragt: „Hast du das gemalt? Das hätte ich dir nie zugetraut. Da legst du dich nieder.“ Die 83jährige, die nach zwei Schlaganfällen nicht mehr die Welt bereisen kann, wie sie es früher tat, schwelgt im Glück und in Erinnerungen. „Ich habe viele fremde Sprachen gehört und gekonnt, aber Malen ist ja auch so was wie Sprechen.“
Helga Schmieg

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