Samariter Stiftung - Fachforum - Referat Bürgergesellschaft  
 

"Nicht nur Menschen – auch Institutionen bürgerschaftlich eingemeinden"

Ein Vortrag bei der Samariterstiftung in Nürtingen

Von Professor Dr. Ulrich Otto

Mit einer gut besuchten Veranstaltung in den Räumen der Samariterstiftung ist das Projekt "Bürgerschaftliches Engagement und Vernetzung ins Gemeinwesen" jetzt nach drei Jahren Projektzeit abgeschlossen worden. Dabei sind neue Formen der Kooperation mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen entstanden. Nachfolgend geben wir ein Referat wieder, das der in Jena lehrende Professor Dr. Ulrich Otto anlässlich dieser Veranstaltung gehalten hat.

"Ich spreche jetzt einfach einmal über das Licht und weniger über den Schatten, dazu kommt spätestens Frau Krohmer ja noch. Ich sehe ein Projekt mit deutlich heller Ausstrahlung. Ich will keine Lichtgestalt aufbauen, ich will aber – und nicht etwa, weil ich als Festesel gewissermaßen dafür bestellt worden wäre – ich will einige Schlaglichter, oder wahrgenommene Lichtreflexe widerspiegeln, wie immer Sie wollen. Und dabei geht es mir vor allem um Potenziale für die Gesellschaft. Potenziale durch Institutionen, die sich auf den Weg machen, ihre gesellschaftliche Verantwortung nachhaltig zu formulieren und andere auf diesen Weg mitnehmen – auf den Weg, Menschen und Institutionen „bürgerschaftlich einzugemeinden“.
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Und damit sind wir mitten drin in meinem Thema. Ich habe es als eine Herausforderung formuliert, und wir könnten es ebenso gut neudeutsch umformulieren: Wir brauchen beteiligungsfreundliche Institutionen – wir müssen ran an die Schlüsselfrage des „mainstreaming“ bürgerschaftlichen Engagements (Mainstreaming: nicht einzelne Sonderprogramme usw., sondern als eine quer zu allen Themen verfolgte Leitlinie in allen Unternehmensbereichen). Ehrenamtliches Engagement – das soziale Ehrenamt vor allem – spielt seit jeher eine große und wichtige Rolle – für die Wohlfahrtspflege, für das menschliche Antlitz einer kapitalistischen Gesellschaft, für die Beteiligten selbst. Aber gerade das soziale Ehrenamt hatte sich zu sehr zurückgezogen in die weniger etablierten Randbereiche von Gesellschaft und Politik – mal eher in unsichtbares hilfreiches Wirken, mal eher auf marginale Spielwiesen – böse zugespitzt: das Ehrenamt als schmückendes Beiwerk des eigentlich Wichtigen.
Der Entwicklungsstand der Bürgergesellschaft und einer Kultur des BE aber lässt sich nicht einfach messen an der Zahl der Engagierten. Er lässt sich eher daran mes¬sen, inwieweit die bürgerschaftliche Idee, mit ihrem Verantwortung-übernehmen, ihrer lebensweltlichen Bodenhaftung und Menschlichkeit, ihrem Gegenimpuls zu Arbeitsteilung, Spezialisierung und Primat der Ökonomie – inwiefern also diese bürgerschaftliche Idee eindringen (wieder eindringen?) kann in die Gesellschaft und ihre Institutionen. Und dies eben auch in den vielen potenziellen Orten für engagierte Partizipation, wo Engagementressourcen noch immer weithin ausgeklammert und nicht anerkannt werden.

„Institutionen bürgerschaftlich eingemeinden“ – das ist ein veritables und trotzdem noch seltsam verkanntes Programm. Warum die Idee des Mainstreaming so wichtig ist, erschließt sich nicht zuletzt, wenn wir sehen, wie breit die Adressaten sind:

Institutionen bürgerschaftliche einzugemeinden stellt (1) Verbänden als ganzes die Frage, wie sie es halten mit der ganz konkreten Ausrichtung auf Bürgerschaftliches Engagement, wie ernst sie es in strategischen, aber auch den vielen täglichen konkreten und operativen Entscheidungen halten mit ihrem Beitrag zur größeren Vision einer Bürgergesellschaft. Das klingt einleuchtend. Aber auch da, wo „Ehrenamt Chefsache“ ist, ist es eine ganz anspruchsvolle Aufgabe. Eine Aufgabe, die erst mal in den Köpfen und Herzen sich einnisten muss. Nein: eingenistet werden muss! Eine Aufgabe zudem, die bei allem Tagesgeschäft die gesellschaftliche und innovative Perspektive behalten sollte, und eben nicht in der Schublade „Ehrenamt“ und im Punkt „Sonstiges“ von Arbeitsverträgen der Sozialdienstmitarbeiterinnen verstaut werden kann. Insofern ist es hellsichtig, nicht nur eine „Stabsstelle Bürgerschaftliches Engagement“ einzurichten, sondern ein Referat Kommunikation und Gesellschaft – aber auch damit beginnt die Eingemeindungsarbeit erst richtig.

„Institutionen bürgerschaftlich eingemeinden“ – das kann, das muss auch (2) auf die einzelnen Einrichtungen und Dienststellen bezogen werden, die oft ja ihre ganz eigene Kultur bürgerschaftlichen Engagements aufweisen – in der Mischung aus Traditionen und Einstellungen der mittleren und oberen Leitungsebenen etwa. Sie wirklich einzugemeinden, sie mitzunehmen im mainstreaming bürgerschaftlichen Engagements – das funktioniert kaum von oben nach unten, sondern viel eher in einer Vorstellung eines lernenden Netzwerks, das den Gesamtverband und die Einrichtungen einschließt. Die Knoten des Netzwerks können sein einzelne initiale Projekte, Knoten sind oft Koordinatoren und Schlüsselpersonen und die Knoten verknüpfen sich machtvoll meist erst durch gemeinsame Schritte, gemeinsames Lernen. Und auch bei Ihnen muss die Balance immer neu gefunden werden – zwischen visionärer Perspektive und anknüpfender oder anfangender Pragmatik. Hier in den einzelnen Einrichtungen, in konkreten Milieus an konkreten Orten entscheidet sich letztlich, ob Engagement Anhängsel oder konstitutiver Angelpunkt und bereichernde Herausforderung des Lebens und Arbeitens ist – nicht nur in Dienstleistung und Handreichung, sondern auch etwa in Partizipation und Organisationsentwicklung.

„Institutionen bürgerschaftlich eingemeinden“ – das heißt nicht zuletzt (3), auch über die eigene Institution hinauszugehen, die weitere „bürgerschaftliche Gemeinde“, den Sozialraum zu beleben. Und hier heißt Mainstreaming vor allem, die soziale Nische aufzuweiten und soziales bürgerschaftliches Engagement auch in den gesellschaftlichen Zentralbereichen einzupflanzen, in Schule und Bildung also, in der Wirtschaft, aber auch in Lebens- und Politikbereichen des Wohnens, der Kultur, der Stadtentwicklung. In einer ausdifferenzierten Gesellschaft ist das ein ganz heikler Prozess, der manche – treiben wir´s auf die deutsch-deutsche Spitze – vielleicht an das DDR-Modell erinnert. Freies Bürgerschaftliches Engagement hat es dort so schwer, weil Engagement in allen Zentralbereichen verordnet und verlangt wurde – allerdings in einer entmischten Perspektive mit zentralen Wertevorgaben von oben. Das spannende für uns – und da bleibe ich bei einem ganz groben Scherenschnitt – ist aber dennoch, wie sehr der Sozialraum dort gewissermaßen reingeholt wurde in die Schulen, in die Betriebe, wie sehr damit auch Integration und Inklusion erreicht wurde. Für eine Bürgergesellschaft in unserem Sinne aber fehlt etwas ganz entscheidendes: Partizipation, die eigene selbstbewusste Assoziation auf der Grundlage gemeinsamer – freiwillig getragener – Werte.
So wird es ein dickes Brett – „civic mainstreaming“ kann nur in diesem modernen Sinne auf eine teilweise Reintegration der Bereiche zielen. Und Erfolge funktionieren heute und im Westen wohl nur auf der Basis pragmatischer Schritte – Kontakte, überzeugen, werben, gemeinsam entwerfen, erste Modelle probieren, auf Erfahrungen aufbauen (auf Fehlern auch), dann vielleicht wirklich auf modellhaften Erfahrungen in die Breite gehen. Natürlich sind die gesellschaftlichen Zentralinstitutionen keine einfachen Partner. Aber unter dem Gesichtspunkt der „Partnerschaft“ lassen sich – das ist eine der spannendsten Erfahrungen – Türen öffnen, lassen sich doch die vermeintlich diametralen Gegensätze Soziales vs. Ökonomie in einen Austausch bringen! Die aktuellen Berliner Polarisierungen muten da mitunter seltsam abseitig an: Die einen reden über Auswüchse des Kapitalismus oder streiten sie ab, streiten jedenfalls scherenschnittartig über Gut oder böse – und denken doch wesentlich an politisches Kapital.

Die anderen machen sich daran, „die Kapitalisten“ einfach einmal anzusprechen. Auf joint ventures, auf Geschäfte auf Gegenseitigkeit – Bezahlung nicht in Geld, sondern in Währungen der Erfahrung, Personalentwicklung usw. Sie schauen: was kann jede Seite besonders gut – und schlagen daraus soziales Kapital! Nun laufen dabei Gott sei Dank nicht immer gleich die Fernsehkameras. Aber: geredet werden drüber soll dann doch. Und das darf es auch, denn soziales Kapital kennzeichnet doch einen zentralen Wert eines diakonischen Verbandes, gehört mit zum Proprium!
In all den angesprochenen Arenen werden nicht nur diensteifrige Helferlein auf leisen Sohlen gesucht, sondern ist ein hoffentlich auf Dauer angelegtes Experiment im Gang: mainstreaming bürgerschaftlichen Engagements zielt schon auch entschieden darauf, dass Engagierte in allen Sphären stärker gestützt und ermutigt werden, zielt aber darüber hinaus darauf, dass Institutionen selbst zu bürgerschaftlichen Akteuren werden – in den Charts bürgerschaftlicher Schlagworte taucht diese Forderung nun mit Macht auf als „hybride Organisationen“.

Das Vorgehen kann zwar Anleihen machen bei Strategien des Projektmanagement usw., es markiert aber durchaus einen neuen Stil von politischer Arbeit im Sozialraum. Es entfernt sich deutlich von den eingelebten Vorstellungen repräsentativer Verfahren, ökonomistischer Ausschreibungsrituale, vom Modell Tarifverhandlung, korporatistischem Geklüngel, rhetorischem Qualitätsgeklingel oder Pfründesicherung, wie sie jahrzehntelang und bis heute den deutschen Wohlfahrtssektor bestimmen. Das Vorgehen ist sympathisch in seiner Mischung aus Perspektive, Partizipation, Partnerschaft, Proprium, Pragmatik und Professionalität (– vielleicht haben sie die Elemente meines kleinen Stabreims in meinem Vortrag schon entdeckt). Eine sympathische Mischung aus
• visionärer Perspektive um nicht in Klein-Klein-Ehrenamtsförderung steckenzubleiben,
• unbedingter Partizipation, um dicht dran an sämtlichen Beteiligten zu bleiben und um deren Wissen und Gestaltungskraft positiv auch für den Verband, die Einrichtung, die Gruppe nutzen zu können, und für die eigene Relevanzerfahrung,
• dem Gedanken der Partnerschaft, in dem es durchaus oft um ein Geschäft – besser: einen Lernprozess – auf Gegenseitigkeit geht. Und auch um Fehlerfreundlichkeit, mit der Ungewöhnliches gewagt werden kann; um Innovationsfreudigkeit, mit der die partnerschaftliche Beziehung immer neu wachsen kann.
• Für das unverwechselbare Proprium (4) eines diakonischen Verbandes ist mit all dem schon vieles auf dem Weg. Das Profil des hier kultivierten Begriffs von bürgerschaftlichem Engagement ist dabei kein beliebiger. Er betont zwar nicht etwa spezielle Formen von Engagement und Beteiligung, er betont aber bestimmte Motive und Wirkungen – wie etwa die Verantwortung für andere, das Lernen von Gemeinschaftsfähigkeit oder das Aktiv-werden-als Mitbürger. Dies zentrale Element des Propriums geht damit über den barmherzigen Samariter hinaus zu einem ganz modernen Öffnungsprogramm. Je glaubwürdiger der bürgerschaftliche Weg eingeschlagen wird, desto spannender wird die Konfrontation mit nur schlank-billig-schillernden Kommerziellen oder neuen Wettbewerbern aus Europa. Ganz offensichtlich und ganz offen ist es auch eine Marketingstrategie. Aber es ist viel mehr.
• Die Pragmatik hält sich nicht an Grundsatzdebatten auf, stürmt irgendwie auch ungeduldig nach vorn, konzipiert, verwirft, konzipiert neu. Zentrale Elemente der Pragmatik sind projektförmige, lernende Versuche. Pragmatik in diesen neuen Bereichen setzt auf Experimente und wo es gut geht vor allem auf Modell-Lernen. Und vergisst hoffentlich nicht, alle Beteiligten dabei mitzunehmen. Hinzu kommt Tausch und Ökonomik – die Fixierung auf Win-win-Situationen wird geradezu zu einer fixen Idee und das ist nicht korrupt, sondern gut so.
• Und das alles – damit ein letztes „P“ – wird erkennbar verantwortlich fundiert im professionell-beruflichen Fundament in den Kernbereichen.

Nach diesen knappen Skizzen zum „Typ des Programms“ nun noch drei heikle Fragen: (1) Wie erfolgreich dürfen bürgerschaftliche Projekte sein, um nicht die Begehrlichkeit der Falschen zu wecken, um nicht völlig vereinnahmt zu werden – etwa mit dem Argument, dass es nicht nur auch unbezahlt gehe, sondern dann sogar besser, integrierter, herzlicher sei? Ich glaube, die Antwort der Samariterstiftung ist hier eindrucksvoll. Die Schritte, sich bürgerschaftlich immer weiter einzugemeinden, unternimmt sie aus freien Stücken, nicht aus politischer Opportunität. Die bürgerschaftlichen Beiträge werden verzahnt mit einem überzeugenden professionell-fachlichen Angebot. Die Förderung der bürgerschaftlichen Beiträge wird ebenfalls institutionell abgesichert. Und überall wird konsequent darauf geachtet, dass die oft so schwierige, dunkle Seite des Ehrenamts – burnout, sich-ausgenutzt-fühlen – so gut wie möglich verhindert wird.

Auch wenn „dem Staat“ dann vielleicht hier oder da Folgekosten nicht entstehen – sparen kann er so ja noch lange nicht – kommt es nicht zu dem Gefühl der Ver¬einnahmung, des ehrenamtlichen Ausputzertums bei den unverzichtbaren aber von Profis ungeliebten Arbeiten. Die Erfahrungen bei allen Beteiligten, ihre Einblicke, die Diskussionen im Partizipationsprozess lassen schließlich bei allen Beteiligten umso klarer werden, welche professionellen Essentials nicht zur Debatte stehen dürfe.
(2) Dieser Diskurs aber wird – das lässt sich an wenigen Fingern abzählen – für die Zukunft natürlich nochmals gründlich verschärfen. Das heikelste Stichworte heißt sicher: Ehrenamtliche in die konkrete Pflege? Inwieweit will die künftige Gesellschaft auf breiter Front auch bürgerschaftliches Engagement in die „harten Dienstleistungsbereiche“ bringen?

Das ganze Thema können wir hier gar nicht verhandeln, ich greife nur ein paar Stichworte der letzten Minuten in seinem Kontext auf:
Ein solcher Verband ist nicht mehr darauf angewiesen, Dogmen zu verteidigen oder Tabus zu setzen. Er hat Erfahrungen gesammelt damit, welche professionellen Fundamente erst starke Engagierte und nachhaltiges Mitmachen ermuntern. Er hat mit einem erkennbaren Proprium Kredit und Vertrauen aufgebaut, dass er nicht leichtfertig „Engagement“ sagt und „Deprofessionalisierung“ und „Sparen“ meint. Ohne diese beiden Punkte ließe sich den vielen Vorbehalten gegenüber BE in der Pflege oder in pflegenahen Bereichen gar nicht begegnen. Er hat Erfahrungen damit, wie lohnend es ist, Ehrenamtliche nicht nur als Helferlein zu sehen, sondern als Experten der Lebenswelt, als eingemeindende Brückenpersonen, als Menschen mit vielfältigen Erfahrungen. Und die Engagierten haben im besten Falle erfahren, wie ernst es dem Verband mit Partnerschaft und Partizipation ist. Er versteht „Leben in der Pflege in der bürgerschaftlichen Gemeinde“ als ganzheitlichen inte¬grierten Prozess, der weit über die professionalistisch-medizinische Engführung des PflVG hinausgeht.

Sie hören mein Credo heraus: Dass eine stärkere bürgerschaftliche Perspektive in der Pflege unverzichtbar ist, davon bin ich überzeugt. Nun ist das freilich eine Aufgabe für das ganze Gemeinwesen. Wenn aber ein Verband es versteht, als Kristallisationspunkt einer keimenden Bewegung viele Institutionen und Menschen anzusprechen für das Thema, dann wäre das ein großartiger gesellschaftlicher Beitrag. Denn die Fronten sind verkrustet, die meisten Seniorenbüros oder Freiwilligen-Agenturen fühlen sich für pflegenahe Engagementformen nicht zuständig. Und vielleicht wären sie auch nicht die richtigen – wenn es stimmt, dass nur gut vernetzte, gut eingemeindete Akteure hier mehr tun können als einzelne Spezialthemen zu beackern oder einzelne Sonderdienste anzustoßen.

Denn auch Pflege – ob häuslich oder stationär – ist umfassender einzugemeinden: rauszuholen aus abgeschotteter Privatheit und abgeschotteter Professionshoheit. Nur mit vielen kleinen Einzelanstrengungen werden Pflegethemen endlich zum Alltagsthema im öffentlichen und halböffentlichen Raum. Zum Thema nicht nur für die Entsorgung im spezialisierten Sozialbereich. Und das geht nicht ohne BE. Aber auch nicht umgekehrt: Nur wenn diese bürgerschaftliche Eingemeindung von Pflegethemen gelingt, lässt sich ein noch breiterer Einbezug von Ehrenamtlichen und Engagierten verantworten.

Ein Verband, der sich diesen Prozessen stellt, ist mitten drin in der Gestaltung örtlicher „Pflegekulturen“ oder „Pflegemilieus“ – als aktiv miteingemeindender Akteur dabei. Hier kommt das lebensweltliche Proprium ebenso zum Ausdruck wie in den Bemühungen um „Anwaltschaft“ für die Schwächeren, oder Älteren. In der amerikanischen Community-Arbeit wird von „vote“ gesprochen – den Betroffenen also eine Stimme zu geben – und das ist gewiss einer der Punkte, in denen hervorragende soziale und pflegerische Arbeit (integrated care) hinausgeht über eine hervorragende Dienstleistung.
Nach unserem bisherigen Durchgang ist es nicht überraschend: Denken wir an die stationären Hilfen, dann finden sich die besonders erfolgreichen Modelle ganz oft dort, wo die bürgerschaftliche Initiative eingebunden ist in einen breiten Partizipations- und Organisationsentwicklungsprozess.

Dieser bezieht in den innovativsten Modellen sämtliche Ebenen der Beteiligten partnerschaftlich mit ein und beruht einerseits auf einer gründlichen Aufgabenabklärung, andererseits auf dem Einbau von vielfältigen gegenseitigen Lern- und Überprüfungs-„schleifen“ – bspw. durch Leitbildprozesse (= Perspektive) sowie Qualitätssicherungsmaßnahmen aber auch Supervisions- und (teilweise gemeinsame) Fortbildungsformen eingeholt werden können. Denken wir an ältere Menschen in ihrer Häuslichkeit werden sich die fortschrittlicher Modelle darauf konzentrieren, dass es nicht bei naturwüchsigen Arrangements des welfare mix im je konkreten Einzelfall bleibt, sondern hier die Lebens- und Engagementwelten gründlich und verantwortungsbewusst (mit)gestaltet werden. Damit im Insgesamt auch das Professionelle vorankommt.

Das Thema bleibt heikel. Aber es muss viel stärker auf die Tagesordnung. Und wenn es Institutionen gibt, die darauf vorbereitet sind, dann jene, die Engagement auch sonst gründlich eingemeindet haben.
(3) Ist die Förderstrategie auch ökonomisch verantwortbar? Wenn ein Verband investiert in soziales Kapital im Gemeinwesen, dann bekommt er ganz offensichtlich auch sehr direkt schon etwas zurück – direkte Resonanz von Bürgerinnen und Bürgern aber auch von Institutionen der Zivilgesellschaft und der Ökonomie – in ihren zivilgesellschaftlichen Lebensäußerungen. Und das übersetzt sich in einen guten Ruf, in zufriedene Bewohner, vielleicht auch in den einen oder anderen Euro einer Zustiftung.

Dennoch: es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein Verband investiert in soziales Kapital und nicht zuallererst in Wettbewerbsfähigkeit. Er leistet sich den Luxus, Geld für das Soziale Ganze auszugeben, das nicht klar refinanziert ist. Er investiert in einer Situation, in der – die Kapitalismusdebatte dreht sich genau darum – viele Marktteilnehmer nur noch an das Eine denken. In einer Situation, in der – die Debatte um die europäische Dienstleistungsrichtlinie dreht sich genau darum – die Marktteilnehmer gezwungen werden, nur noch an das Eine zu denken. Dieser Verband denkt (auch) an das Andere – das Gemeinwohl. Dass dies irgendwann einmal zusammenfällt mit dem einen: Markterfolg – ist dabei überhaupt nicht garantiert. Zumal wir – Qualitätsdebatte hin oder her – in der tatsächlichen Sozialgesetzgebung einerseits und ihrer Umsetzung in den Raumschaften andererseits im Geltungsbereich des BSHG, im Pflegebereich mit dem SGB XI und im Kontext des Kinder- und Jugendhilfegesetzes weit entfernt sind von so etwas wie einem „fachlich regulierten Qualitätswettbewerb“.

Wenn es aber gelingt, am Markt zu bestehen, dann zahlt sich die Strategie längerfristig mit großer Wahrscheinlichkeit aus. Und zwar auch für die innerhalb des Verbandes, die Stabsstellen für gesellschaftliche Kommunikation usw. für Luxus halten, der nur Geld von der „eigentlichen“ Zu-Fuß-Arbeit abzieht.
Denn wir kennen inzwischen genug konfessionelle Verbände in der Sozialwirtschaft, die die Balance nicht geschafft haben: eingemeindet zu bleiben trotz immer rigiderer ökonomischer Rationalitäten. Und die dann kein eigenes Proprium mehr glaubhaft machen konnten, die ihre sozialräumliche Basis verloren haben, die vor lauter Rechnen, out-contracting, gmbHisieren den Kurs ihres wichtigsten Kapital verfallen lassen haben: des sozialen Kapitals.

Positiv gewendet: Mit dem ernsthaften Bezug auf BE und allgemeiner auf Werteorientierung wird eine Form „systematischer Störung“ in die Institution eingebaut. Und gewinnt damit ein überaus herausforderndes Korrektiv: ob mit der sozialwirtschaftlichen Eigenlogik so umgegangen wird, dass das Proprium der menschenbezogenen Ziele nicht verraten wird.
Und nun erlauben Sie mir doch noch mal einen Rollenwechsel – obwohl sie schon gemerkt haben, dass ich mich so ganz eigentlich nie entscheiden wollte - zwischen distanzierter Analyse und parteinehmendem Sympathisieren. Erlauben Sie mir wenigstens zum Schluss, dass mir ganz persönlich noch mal ein bisschen feierlich wird. Und dass mir – dies verstärkend – gewissermaßen auch fachlich feierlich wird, nachdem ich seit vielen Jahren sehr viele Verbände kennenlerne, die Engagementförderung begleite und sehe, was in der Sozialwirtschaft heute los ist:
Ich gratuliere einer Gesellschaft, die solche Verbände wie den Ihren und solche Menschen hat.

Ganz einfach auch von meiner Stelle aus als anerkennenden Dank an die, die diese Schritte konkret tragen! Ich gratuliere zugleich einem Verband, der sich so als Teil der Gesellschaft versteht, der sich immer mehr als Institution als ganzes bürgerschaftlich aufstellt, der sein Organisationsgeschick und seine Netzwerke als Institution nutzt, um andere Institutionen immer weiter bürgerschaftlich einzugemeinden, einzugemeinden in die Bürgergesellschaft. Und sich dies – zunächst – etwas kosten lässt. Das ist eine eminent politische Leistung, die dann auch dem „Stammgeschäft“ nutzt: Im Vergleich zur soundsovielten Werbekampagne für die Ehrenamtlichen ist das schon viel anspruchsvoller: Eine konzeptionelle Diskussion in unserer Gesellschaft zu entfachen, welchen Stellenwert Institutionen für das Gemeinwesen haben und warum es lohnt, Solidarität zu praktizieren. Dies voranzutreiben – mit Perspektive, partizipativ verankert, partnerschaftlich mit wichtigen anderen Institutionen, erkennbar im sozialen Proprium – könnte für die Kultur des Engagements und damit für die Bürgergesellschaft viel bedeutsamer sein!

Der Umgang mit dem Thema Verbindlichkeit wäre ein Thema für sich allein! Vieles wird projektförmig gemacht, vieles wird in klaren Umrissen gemacht – fängt an und hört auch klar nach einigen Einsätzen oder nach bestimmten Austauschwochen wieder auf. So wagt er sich einfacher, etwa der „Seitenwechsel“. Und wenn bei menschlichen Beziehungen inzwischen von Lebensabschnittsgefährten geredet wird, von Modi „serieller Monogamie“, so entdecken wir ähnliche Modernisierungsmuster beim Engagement. Fast hat es den Anschein, als ob ein diakonisches Engagement, bis dass der Tod es von der Aufgabe oder dem Verband scheide, abgelöst wird – oder doch immer öfter- von einem Lebensabschnittsengagement. Und das geben die Macher ja ganz offen zu: es wird nach den Zielgruppen gesucht.
Lässt sich damit verantwortungsvolles Helfen realisieren? Sind nicht angefangene Projekte, die dann plötzlich abbrechen, eher schädlich, schaffen Enttäuschung nach einer kurzen Verheißung, vor allem für die, die die Partnerschaft/das Engagement gerne noch weiter erlebt hätten? Auch hier finden die modernen Samariter typisch moderne Antworten – jenseits einer alten Durchhalte- und Verpflichtungsethik, eher gedacht in einem Vertragsmodell, das aber verantwortliche serielle Engagements absichert – jedenfalls da, wo Beziehungsabbrüche nicht so heikel sind."

Professor Ulrich Otto